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Linientreu? Niemals


Erinnerungen. Ein Politikanalytiker wie Wolfgang Abendroth wäre den heutigen Parteien zu wünschen. Leider gibt es ihn nicht

von Arno Klönne

Frühjahr 1951: Wir trampten nach Marburg an der Lahn, um Studenten zu werden. Über die Universität dort wussten wir nur wenig, aber die Stadt war unzerstört, das hatte in den Trümmerjahren seinenReiz. Mir war noch schleierhaft, was ich studieren wollte; jedenfalls gab ich einem Geraune nach: In Marburg, so hieß es, sei ein Hochschullehrer eingestellt, von dem man etwas über die Linke vor 1933 und im Widerstand gegen den NS-Staat erfahren könne, eine Rarität also unter den damaligen westdeutschen Verhältnissen. Das Gerücht bestätigte sich, und als ich das erste Proseminar bei Wolfgang Abendroth hinter mir hatte, war ich sicher: Glück gehabt - einen besseren akademischen Lehrer hättest du nicht finden können. Dieses Gefühl hat sich bei mir nicht verloren. Abendroth, das war bald herauszufinden, durch vergleichende Studien sozusagen, lag nicht nur mit seinen Themen und wissenschaftlichen Betrachtungsweisen quer zum Mainstream des Adenauerstaates und des Kalten Krieges, er tanzte auch in seinem persönlichen Verhalten aus der professoralen Reihe; da war nichts an ihm vom "Muff aus tausend Jahren unter den Talaren". Mir kam der Verdacht, jugendbewegte Herkunft könne ein Grund für die sympathischen Eigenschaften dieses "Ordinarius" sein. Auch das bestätigte sich. In jungen Jahren war "Wolf" Abendroth einer der Führer der "Freien Sozialistischen Jugend" gewesen, eines Bundes, der gemeinsames politisches Handeln der gesamten Arbeiterbewegung anzielte und dennoch - oder gerade deswegen - weder sozialdemokratischer noch kommunistischer Parteijugendverband sein wollte. "Die Selbstbefreiung von dem heute herrschenden Parteibetrieb der Phrase und der Gängelung" proklamierte die "Freie Sozialistische Jugend" Ende der 1920er Jahre, sie kritisierte die Politik der Parteizentralen von SPD und KPD als "dogmatisch festgefahren, taktisch zerfressen, hilflos pendelnd zwischen sinnlosem Krawall und klebriger Anpassung - Partei-Sozialismus behaftet mit den Lastern der Welt, die er ablösen will". Eine jugendlich-idealistische Aussage? Gewiss, und doch zugleich eine exakt treffende Beschreibung der Misere linker Parteien, durchaus mit aktuellem Gehalt.

Abendroth gehörte nie zu denjenigen (mitunter theoretisch anregenden) linken Leuten, die sich rechthaberisch in diesem oder jenem Kleingrüppchen einrichteten, er sperrte sich nicht ab, war auf weit ausgreifende politische Wirksamkeit bedacht, aber das nicht um jeden Preis. An einer Parteikarriere oder an einer Karriere durch eine Partei lag ihm nichts, auf "Linientreue" ließ er sich nie verpflichten. Bei der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte der Arbeiterbewegung griff er ein Thema auf, das in der heutigen Debatte über die Parteien völlig vernachlässigt ist: Die Soziologie einer Verselbstständigung von Organisations- und "Apparat"-Interessen: wie diese politische Inhalte auflösen und verkehren. Den Grünen, der SPD und der Linkspartei heute wäre speziell unter diesem Aspekt ein Politikanalytiker wie Abendroth zu wünschen; leider gibt es ihn nicht.

Abendroth war kein "Parteienforscher" in beschränkter Sichtweise, Gewerkschaften und soziale Bewegungen interessierten ihn ebenso sehr, und das nicht nur theoretisch. Ich habe in Erinnerung, wie er sich unentwegt dazu bringen ließ, bei Zusammenkünften und Seminaren "unten", an der Basis, in der Provinz aufklärend mitzuwirken; dafür war er sich nicht zu schade, auch wenn akademische Kollegen sich mokierten: Was vergeudet der Mann seine Kräfte, in den vielen Stunden ließen sich doch voluminöse Werke verfassen. Kommunikationsscheu gegenüber Menschen mit anderer politischer Meinung kannte er nicht, und von ihm war zu lernen: Entschiedenheit in der Sache wird durch freundlichen Umgang nicht beeinträchtigt. An dem üblichen politischen Gesellschaftsspiel "Jagd auf Widersacher" hat sich Abendroth nicht beteiligt.

Dass ihm Effekthascherei nicht lag, hat sicher auch seine Ambivalenz gegenüber der "Revolte" um 1968 mitbestimmt. Das neu sich ausbreitende Interesse an linken Ideen und oppositionellen Aktionen erschien ihm als Chance - aber wie hätte ein Mann mit seiner politischen und persönlichen Geschichte allerlei Scheinradikalitäten zujubeln können? "Wir wollen alles, und jetzt sofort" - das war nicht sein Ding, und er behielt Recht mit der Befürchtung, dass so manche Revoluzzer später sagen würden: "Wir wollen gar nichts mehr", also ihren Frieden mit dem Kapitalismus machen würden.

Übrigens vertrat Abendroth innerhalb der Linken eine ganz bestimmte Position, für die er bei Teilen der Achtundsechziger-Bewegung kein Verständnis fand: Er gab dem Kampf um verbriefte Rechte, um das Grundgesetz und um egalitäre internationale Normen einen hohen Rang. Diese Einstellung entsprang nicht juristischer Fachsimpelei, sondern gesellschaftstheoretischer, Geschichte analysierender Einsicht. Heute sind es auch ehemalige "Streetfighter" aus Zeiten der Studentenbewegung, die lässig darüber hinwegsehen, dass durch regierende deutsche Politik, unter welcher Koalition auch immer, militärstrategisch und sozial-"reformierend" Intentionen der Verfassung und des Völkerrechts beiseite geräumt werden. Um "Abendroth-Schüler" handelt es sich dabei nicht.



© Freitag 17 / 28.04.2006
 

 
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