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Die ganz große Koalition
Von Arno Klönne Das Kabinett Merkel-Müntefering
hat die vielberufenen einhundert Tage längst hinter sich, die ersten Landtagswahlen
nach der Regierungsbildung im Bund sind überstanden, zur halbierten schwarzroten
Zufriedenheit, und trotz mancher propagandistischer Profilierungsaktivitäten
der SPD oder der CDU/CSU zeichnet sich ein kommender Bruch der Koalition nicht
ab. Diese Haltbarkeit des Regierungsbündnisses hat tiefere Gründe als
nur den, dass die SPD als Partei in schlechter Verfassung ist und zu Aufmüpfigkeiten
kaum in der Lage. Im Politikbetrieb und in der veröffentlichten
Meinung hat die Vergessenheit zugenommen, und so fragt kaum noch jemand danach,
was denn da im Herbst vergangenen Jahres, im Zuge des Bundestagswahlkampfes, vorgeführt
wurde - war damals nicht die Rede von einem gesellschaftspolitischen Richtungskampf
zwischen Rot und Schwarz? Das ist Polittheaterschnee von gestern, und zur Zeit
regieren in Berlin CDU/CSU und SPD so zusammen, dass oft garnicht zu ahnen ist,
ob es ein christdemokratischer oder ein sozialdemokratischer Minister ist, der
das Signal gibt für den nächsten Arbeitsschritt bei der Sozialdemontage.
Selbstverständlich verteilen CDU/CSU und SPD zwischendurch immer mal wieder
Sozialberuhigungsmittel an die "Unterschichten", so etwa die Ansage,
über gesetzliche Mindestlöhne wolle man gemeinsam nachdenken.
In der Präsentation ist, man hätte es sich denken können, Angela
Merkel geschickter als weiland Gerhard Schröder. Sie tritt - anders als der
Basta-Kanzler - ohne Furore auf, sachlich und vermittelnd; selbst SPD-Minister
oder Ministerinnen sind zufrieden, dass sie jetzt bei Kabinettssitzungen den Mund
aufmachen dürfen. Über ihre Werte im Sympathiebarometer kann sich die
Kanzlerin nicht beklagen, und sie weiß inzwischen auch, dass es ihr beim
Publikum nicht gut tut, wenn sie allzu westerwellisch redet, also hat sie sich
neue Vokabeln angewöhnt, sozial wärmere, wie die politischen Marketingleute
sagen. Bei der Umsetzung der "Reform"-Vorhaben geht sie ohne Hast vor,
die Vormachtstellung ihrer Partei ist auch ja erst einmal stabil. Und manche Unfreundlichkeiten
kann die Kanzlerin ihren sozialdemokratischen Kabinettskollegen überlassen
- Franz Müntefering zeichnet verantwortlich für die faktische Rentenkürzung,
und Peer Steinbrück verkündete noch einmal, der alte Sozialstaat sei
nicht mehr bezahlbar, das Kapital aber müsse steuerlich weiter entlastet
werden. Matthias Platzeck kam in seiner kurzen Zeit als Parteivorsitzender
immerhin dazu, der "Sozialnostalgie" eine grundsätzliche Absage
zu erteilen. Gesellschaftspolitik, so deklarierte er, sei dazu da, "die Menschen
marktfähig zu machen". Darin steckt die prinzipielle Zustimmung der
SPD zu dem, was Angela Merkel im Motto ihrer Regierungserklärung "mehr
Freiheit wagen" genannt hat - das schrittweise Abstreifen jener Zügel
ist gemeint, die in der Geschichte der Alt-Bundesrepublik kapitalistischen Interessen
angelegt worden waren. Die nachrückenden Führungsschichten bei den Unionsparteien
wie bei der SPD haben mit den Hoffnungen auf sozialen Ausgleich, wie sie Heiner
Geißler immer noch vertritt und wie sie Johannes Rau vertrat, um Beispiele
zu nennen, gar nichts mehr im Sinn; die Kader der beiden "Volksparteien"
haben sich längst an den Gedanken gewöhnt, dass in der "Marktwirtschaft"
harte Sitten herrschen, dass für den Wettbewerbsstaat "Ungleichheit
produktiv" sei (um eine Maxime von Wolgang Clement zu zitieren). Dass ein
im Grunde sozialdarwinistisches ("neoliberal" ist da ein verharmlosender
Begriff) Wirtschafts- und Gesellschaftsbild von Parteipolitikern, die ja WählerInnen
bei der Stange halten wollen, nicht mit verbaler Brutalität vertreten wird,
versteht sich; die aggressive Ausdrucksform des Einschwörens auf "Markt,
Markt, Markt" bleibt massenmedialen Meinungmachern und Wirtschafts-"Fachleuten"
überlassen. Was die Partei der Grünen angeht, so kann an deren
inzwischen fraglosem Bekenntnis zu "mehr Markt wagen" kein Zweifel sein.
Gesellschaftspolitische Opposition gegen den Merkel-Müntefering-Kurs ist
von ihnen in der Grundrichtung nicht erwarten, zumal sie von dem Wunsch getrieben
sind, bei nächster Gelegenheit weigstens auf Länderebene wieder mitregieren
zu dürfen - aller Wahrscheinlichkeit eher im Bündnis mit der CDU als
in einem erneuten "rot-grünen Projekt". Dass die FDP der Sozialstaatlichkeit
keine Träne nachweint, ist bekannt, sie hätte sich gern in einer Koalition
mit Angela Merkel an der Demontagepolitik antreibend beteiligt. Wir haben
es also in der gesellschaftspolitischen Substanz mit einer ganz großen Koalition
zu tun, einem ideellen Kartell aus FDP, Grünen, CDU/CSU und SPD. Der bei
Kommentatoren beliebte Satz "Jede demokratische Partei muss mit jeder anderen
demokratischen Partei koalieren", meint insofern nicht ein verfassungspolitisches
Abstraktum, sondern bezieht sich auf eine konkrete Übereinstimmung in gesellschaftspolitischen
Zielen bei dem besagten Parteienkartell. Angesichts dessen liegt der
Trost nahe: aber da ist die jetzt im Budestag vertretene Linkspartei (in spe),
und damit der parlamentarische Widerspruch zur Politik des Kartells. Ist das so?
Bleibt es so? Man kommt ins Grübeln: Immerhin gibt es in der Stadtregierung
Berlin und im Budesland Mecklenburg-Vorpommern die Einflechtung auch der Linkspartei
in die Kartellstruktur. Was letztere betrifft - natürlich schließt
auch eine Kartellierung nicht aus, dass interne Konkurrenzen weitergeführt
werden. In diesem Fall: Konkurrenzen um Anteile der Einzelfirmen am WählerInnenmarkt,
auch um die Besetzung der Rollen in dem Stück "Wir spielen Demokratie",
das - da substanzielle Alternativen außen vor bleiben - richtiger "Wir
spiegeln Demokratie vor" heißen müsste. Die Situation
ist ziemlich absurd: Allen Anzeichen nach, die seriöse Art der Meinungsforschung
eingeschlossen, will eine Mehrheit der Bevölkerung hierzulande nicht, dass
die Bundesrepublik in den Zustand des ungezähmten Kapitalismus überführt
wird. Soweit vom Stimmrecht Gebrauch gemacht wurde, hat sich das auch bei den
Bundestagswahlen im vergangenen Herbst gezeigt; gleichzeitig allerdings breitet
sich Enthaltsamkeit bei Wahlen gerade in den sozialen Schichten aus, die vom Übergang
zum Wettbewerbsstaat und der Sozialdemontage negativ betroffen sind - hier herrscht
das Gefühl vor: Egal wer regiert, uns wird allemal das Fell über die
Ohren gezogen. Ein Politikkurs, der Beihilfe dazu leistet, dass die Reichen reicher
und die Armen oder "Prekären" zahlreicher werden, hat bei der Majorität
der Bürger und Bürgerinnen keine Legitimation. Aber in der Sache nimmt
das Parteienkartell darauf keine Rücksicht, es zeigt nur taktische Reaktionen,
keine strategische Wechselbereitschaft. Die gesellschaftspolitische Linie
der ganz großen Koalition nimmt sich, bei allen Varianten zwischen und in
den Parteien, so aus: Die "Privatisierung", d.h. die Auslieferung an
Kapitalverwertungsinteressen bei bisher öffentlichen Gütern und Einrichtungen
wird fortgesetzt, ebenso sukzessive die Übereignung an kommerzielle Unternehmen
in den sozialen Sicherungssystemen; das Lohngefüge wird nach unten gedrückt,
der Niedriglohnsektor ausgebaut, die Arbeitszeit nach oben getrieben; das kollektive
Tarifvertragssystem wird weiter aufgeweicht, gewerkschaftliche Gegenmacht geschmälert,
das große Kapital wird steuerlich noch mehr entlastet, die Sphäre des
Finanzmarktes weiter begünstigt. In den Vereinbarungen und Planungen
der jetzigen Bundesregierungskoalition (von denen die Führung der SPD sagt,
sie trügen "zu zwei Dritteln sozialdemokratische Handschrift")
ist nichts zu sehen, was diesen Trend korrigieren wollte oder könnte. Bei
der eben skizzierten Politiklinie handelt es sich nun nicht um eine zufällige
Zusammenführung fragwürdiger Einzelkonzepte in der Sozial-, Arbeitsmarkt-
und Steuerpolitik, bei denen man dann durch plausible Gegenvorschläge die
Regierenden oder die aufs Mitregieren Wartenden zur Einsicht bringen könnte
- es wird vielmehr, durchaus systematisch, der Weg in eine andere Republik geöffnet
und beschritten. Ein solches Umsturzhandeln, sehr wohl bewusst, vollzieht
sich ebenso im Feld der Militär- und Außenpolitik, und auch hier wirkte
die SPD in ihrer Zeit der rot-grünen Bundeskoalition als Türöffner.
Völlig zutreffend hat Gerhard Schröder nach seinem Abgang aus dem Kanzleramt
gesagt, seine "große historische Tat" sei die "Enttabuisierung
des Militärischen" gewesen, der Übergang zu jener neuen Militärdoktrin,
die Peter Struck in seiner Zeit als Militärminister mit dem Begriff der "Verteidung
Deutschlands am Hindukusch" umschrieben hat. Die Bundesrepublik ist damit,
entgegen dem Willen des Grundgesetzes, auf "robuste", d.h. gewalttätige
Interessen- und Machtpolitik im globalen Rahmen ausgerichtet, teilweise eingebunden
in europäische Strukturen, beim Kampf um geostrategische Räume und um
Ressourcen anderer Länder halb als Gehilfe, halb als Kleinkonkurrent der
USA agierend. Der Weg in eine andere Republik ist - in der Vorgehensweise
nicht so deutlich umrissen - noch in einer dritten Hinsicht beschritten: Die bisherige
Parlaments- und Parteiendemokratie bleibt zurück als altes Eisen. An deren
Stelle zeichnet sich eine telekratisch geformte Konkurrenz um Führungsämter
in Bund und Ländern ab, wobei die Parteien als Marketingagenturen für
Profi-Politikpersonal agieren und bisher parlamentarische Funktionen der Politikvorbereitung
und Willensbildung an Kommissionen, Beraterstäbe etc. übergeben, die
demokratisch nicht legitimiert und von unternehmerischen Interessen beherrscht
sind. Dass unter einer Großen Koalition der parlamentarische Betrieb wieder
etwas lebendiger wird, man denke an die Einsetzung des BND-Untersuchungsausschusses,
sollte in der Bedeutung nicht überschätzt werden - eine Schwalbe bringt
noch keinen Sommer des Parlamentarismus. Besonders krass tritt der parteipolitische
Wandel parteipolitischer Strukturen bei der SPD hervor. Um die Symptomatik zu
kennzeichnen: Gerhard Schröder gibt den Parteivorsitz weiter an Franz Müntefering
- ohne Debatte in der Partei. Dann spricht Schröder als Kanzler seiner Fraktion
das Misstrauen aus, zum Zwecke eines Neuwahlmanövers, und das "rot-grüne
Projekt" wird damit weggeräumt (Schröder wollte die Große
Koalition - allerdings unter seiner Führung) - die Partei erfährt vorher
nichts von dieser Entscheidung, sie wird daran nicht beteiligt. Im nächsten
Schritt überträgt Müntefering den Parteivorsitz auf Matthias Platzeck
- ohne Debatte in der SPD-Mitgliedschaft. Der schließlich reicht dieses
Amt weiter an Kurt Beck, und auch das darf der nächste Parteitag dann absegnen.
Ein "Super-Sozialdemokrat" wie Wolgang Clement verschwindet derweil
in Richtung Energiemanagement - in der Partei nimmt das kaum jemand zur Kenntnis.
Und vergessen scheint auch schon, dass Gerhard Schröder, jetzt ebenfalls
energiewirtschaftlich tätig, im Herbst vergangenen Jahres im Wahlkampf noch
als "Retter der Enterbten" auftrat und die Partei faszinierte - den
Oppositionellen gegen die eigene "Reform"-Politik gebend. Nach alledem
- wer soll da noch an die SPD als lebendige Mitgliederpartei glauben? Oder auf
eine künftige "linke Mehrheit" im Parlament hoffen, wenn die Große
Koalition verbraucht ist? Die demokratieförmigen Regularien im Parteien-
wie auch im Parlamentsbetrieb werden nicht abgeschafft, aber sie werden so gehandhabt,
dass sie das Treiben der politischen Klasse nicht weiter stören. Dass der
nicht saturierte Teil der Bevölkerung sich immer mehr den Wahlen fernhält,
hat seine angenehmen Seiten für das Parteienkartell; der Protest ist damit
ausgesiedelt, und die Zahl der Mandate und Politjobs wird ja bei sinkender Wahlbeteiligung
nicht geringer. Für die wirtschaftliche Machtelite ist dies alles
eine komfortable Lösung: Eine Art von "Demokratie", die den Gang
der großen Geschäfte nicht beeinträchtigt... Wenn die Linke in
der Bundesrepublik zur gesellschaftlich wirksamen Kraft werden will, wird sie
diesen Umbruch, die Weichenstellung zur Fahrt in eine andere Republik, insgesamt
zum Thema machen müssen, gerade auch den Substanzverlust der Parlaments-
und Parteiendemokratie (beim öffentlichen Auftreten der Linkspartei ist dies
bisher nur unzureichend bedacht). Alternativen können sich herausbilden im
energischen Widerspruch gegen die herrschende Politik, gegen deren Inhalte und
gegen deren Methoden. Demokratie als Realität gibt es nur, wo Opposition
mehr ist als Ämterkonkurrenz. Illusionär ist meiner Einschätzung
nach die Hoffnung, unter dem Eindruck einer kleineren parteipolitisch-parlamentarischen
Konkurrenz links neben der SPD werde sich letztere wieder in die "gute alte
Sozialdemokratie" zurückverwandeln, vielleicht sogar in den Unionsparteien
der "Sozialflügel" wieder kräftig flattern. Und die neue linke
Partei wird sich gründlich mit historischen Problemerfahrungen und außerparlamentarischen
Bewegungen auseinandersetzen müssen, auch damit, dass es eine fragwürdige
Eigendynamik der Teilnahme am Parlaments- und Regierungsbetrieb gibt. Eine Absage
an Wahlen und an den Parlamentarismus liegt in dieser Aufforderung nicht, nur
die Mahnung: Bitte studiert an der Geschichte der Grünen, wie Opposition
sich selbst domestizieren kann. Wiederaneignung von Volkssouveränität
und Wiederbelebung sozial-solidarischer und dem Militarismus entgegengesetzter
Politikentwürfe sind nicht erwarten von einem Bekehrungserlebnis der Kartellpolitiker.
Sie sind auf den Weg zu bringen nur durch die eigene Kraft sozialer Bewegungen,
konfliktfähiger Gewerkschaften, außerparlamentarischer Initiativen,
demokratischer Bündnisse vor Ort - und in diesem Handlungszusammenhang auch
von Parlamentariern, die sich den Regeln des Machtspiels nicht unterwerfen.
"Es rettet uns kein höh'res Wesen" - das stimmt immer noch,
und zu denken ist da nicht nur an Gott, Kaiser und Tribun. 
© "Sozialismus", 5 / 2006, S. 10-12 | |
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| | "Die
ganz große Koalition" | |
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Kartellpolitiker unter sich (das Personal wurde inzwischen teilweise erneuert
und Frau Merkel hat einen anderen Frisör) | |
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