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Paderborner Geschichte:

Lorenz Jäger: Ein Feldherr Gottes in Hitlers Krieg

Von Werner Graf

(In: Jahrbuch Paderborn 1986, hg. v. Michael Fuchs, Werner Graf, Ulrike Kron. Paderborn 1986, S. 136-150)

Der 19. Oktober 1941, ein Sonntag, war für Paderborn ein großer Tag. […] Das Bistum Paderborn erhielt im dritten Jahr des Zweiten Weltkriegs – im neunten Jahr des Dritten Reichs – einen neuen Bischof, dessen Wahl mit den damaligen Machthabern abgestimmt war.

Die katholische Kirche versucht heute – freilich in auffallend spärlichen Publikationen – diesen Erzbischof [Dr. Lorenz Jäger], zumal er 1965 zum Kardinal befördert wurde, als einen besonders bedeutenden darzustellen. Deshalb wohl wird ihm ein oppositionelles Image verpaßt, ein bißchen Widerstand steht nach 1945 jedem gut an. Und es wirkt doch nicht unglaubwürdig: warum sollte sich ein Bischof nicht gegen Terror und Krieg ausgesprochen haben!

Christlich wäre es gewesen, moralisch wäre es gewesen, menschlich wäre es gewesen. Nun ja, so war er nicht. Er hat anders gepredigt!

[…] Er redet vom Frieden, aber er predigt Krieg:

„Andächtige! Ich habe vorhin angedeutet, daß echt priesterliche und echt christliche Haltung im tiefsten sich berührt mit wahrhaft soldatischer Haltung, habe euch hingewiesen auf das Wort der Kirche der Märtyrerzeit vom ‚bonus miles Christi’, vom guten Soldaten Christi. Alles Große muß durch Kampf errungen werden, auch das Gottesgeschenk des Friedens. Das kostet Kampf gegen sich selbst, Kampf gegen die Welt, die sich von Gott getrennt hat.“

Es ist eine Überraschung! Zwar können wir durch menschliche Friedfertigkeit dem Frieden nicht näher kommen, weil er einzig als Gottesgeschenk denkbar ist – das hatten wir gerade verstanden – jetzt geht es andersherum: wir können wohl etwas tun, wir müssen etwas tun, wir müssen kämpfen! […]

Sonntag, 19. Oktober 1941, im Dom zu Paderborn. Der eben geweihte Erzbischof ruft die Gläubigen im Namen Gottes auf, zum ‚Kampf gegen die Welt, die sich von Gott getrennt hat’. So legt denn Jäger den Wunsch nach ‚Leben und Frieden’ aus!

„Jeder Kampf bringt Opfer und Wunden. Aber was tut das? Der wahre Christ trägt das Kreuz Christi, die Siegel seiner Auserwählung, mit demselben Stolz wie der Soldat sein eisernes Kreuz. Liebe Erzdiözesanen! Zu diesem Kampf soll ich euch aufrufen. Das ist mein Auftrag: Euch hindurchzuführen durch den Kampf und die Not dieser Zeit, hin zum Frieden Gottes, heraus aus der Gebundenheit und dem Verlorensein an das Irdische, hin zur Freiheit der Kinder Gottes. Laßt uns gemeinsam diesen Kampf kämpfen gegen das Gottwidrige in uns, gegen die Sünde in jeder Form und Gestalt, auf das wir heimfinden in das Leben und den Frieden Gottes.“

Jäger meint Kampf jetzt nicht mehr als religiöse Metapher, dieses Wort meint er wörtlich, er meint Waffengewalt und Militär, er predigt über den Weltkrieg: ‚Zu diesem Kampf soll ich euch aufrufen. Das ist mein Auftrag:’ Wessen Auftrag?

Christen und Soldaten sind Jäger dasselbe, analog hatte er dem Klerus in seiner ersten Ansprache erklärt: „Was ist der Feldherr ohne seine Offiziere und Soldaten? Was ein Bischof ohne seine priesterlichen Mitarbeiter?“ Jäger kam als Militärpfarrer aus dem Krieg auf den Bischofstuhl nach Paderborn, das Vorbild für seine Kirche ist die Hierarchie und Funktion der Wehrmacht.

„Mein besonderer Gruß in dieser Stunde gilt meinen Soldaten. […] Mitten in den Strapazen dieses gewaltigen Krieges, umgeben von Tod und Gefahr, lebt ihr das Leben der Heimat mit, um derentwillen ihr all das Schwere ertragt; kämpft und sterbt ihr auch, wie mir das immer wieder aus euren Briefen entgegenklingt, für die Bewahrung des Christentums in unserem Vaterland, für die Errettung der Kirche aus der Bedrohung durch den antichristlichen Bolschewismus.“

Der Erzbischof ruft nicht nur abstrakt zum Kampf auf, er akzeptiert Gewaltanwendung nicht nur für höhere Zwecke, er legitimiert den Krieg nicht nur als Mittel der Politik, sondern er rechtfertigt ausdrücklich den Aggressionskrieg Deutschlands, er unterstützt die Kriegspropaganda der Nationalsozialisten, er ruft auf – das ist der klare Kern seiner Botschaft – für Hitlers Russlandfeldzug!

„[…] Soldatische und priesterliche Haltung stehen sich innerlich näher, als Außenstehende ahnen. Dort wie hier ist Voraussetzung: selbstloser Dienst, vorbehaltloser Einsatz, Bewährung aus letzter Verpflichtung heraus, Treue bis in den Tod. […]“

So unglaublich es heute erscheint. Jäger machte den Zweiten Weltkrieg zu einer Sache der katholischen Kirche als ob er eine Art Kreuzzug wäre. Und schließlich betete er für die Toten, als seien sie in Hitlers Aggressionskrieg für Gott gefallen […]

Der Bischof von Paderborn unterstütze von der Kanzel die Kriegspolitik des Dritten Reichs, die Gestapo schrieb erleichtert mit, ihr Geheimbericht über die Antrittspredigt strahlt die Genugtuung der nationalsozialistischen Machthaber über diesen neuen Bischof aus.

„Mit besonderem Akzent wandte er sich dann den Soldaten zu und lobte ihren religiösen Sinn, den er als Seelsorger im Felde kennengelernt hatte. Zu seiner Freude hätte er auch von den Soldaten anläßlich seiner Ernennung zum Erzbischof aus dem Felde zahlreiche Zuschriften erhalten, die ihrer Freude darüber Ausdruck gäben, daß Paderborn wieder einen Bischof bekommen hätte. Er sprach dann von ihrem heroischen Kampfe gegen den Bolschewismus, daß die kämpferische heroische Gesinnung der Soldaten an der Front sich auch im Bekennertum für das Reich Christi in derselben Weise bewähren müßte, und nur durch Christus könnte der Bolschewismus überwunden werden.“

Es wird offenbar, warum Jäger für den nationalsozialistischen Staat ein förderungswürdiger Bischofskandidat gewesen war. In einer entscheidenden Phase des Krieges – seit dem 22.6.1941 lief der Vernichtungskampf gegen die UdSSR – ließ er sich bereitwillig – nämlich offensichtlich aus eigener Überzeugung – für die innere Mobilisierung der Militärmaschine einsetzen. Der Erzbischof militarisierte die religiöse Überzeugung und die katholische Bindung der Soldaten, er verherrlichte den Kriegseinsatz als christlichen Kampf gegen den Bolschewismus. Dann stellt er sogar die kämpferische Gesinnung der Soldaten an der Front als beispielhaft für die Haltung in der Religion dar! Das Reich Christi ist für den Erzbischof offenbar ein Gebilde, für das in derselben Weise wie für den Nationalsozialismus gekämpft werden muß. Hitler kann von Soldaten Opfer verlangen wie Gott von den Gläubigen. Und schließlich wird Christus eingereiht in den Kampf gegen den Bolschewismus.

Der Krieg der Nazis wurde von Jäger aus religiöser Überzeugung unterstützt. Im Namen von ‚Leben und Frieden’ motivierte er Soldaten letztlich zum Töten, er machte sich und die Kirche am Krieg mitschuldig. Jäger trat sein Amt als eine Art Militärbischof an der Heimatfront an. Ausgerechnet der Bischof brachte fromme katholische Soldaten, die nicht aus eigener Überzeugung für Hitlers Krieg den Kopf hinhalten wollten, und katholische Soldaten, die aus christlichen Motiven gegen das Töten anderer Menschen eingestellt waren, in Gewissensnot: diesen Christen fiel der Erzbischof in den Rücken, sie trieb er für die Nazis in die Schlacht. Moralisch betrachtet ist deshalb sein Aufruf für den Krieg verwerflicher als der irgendeines Generals, weil er den Kriegseinsatz christlich legitimierte, nicht nur befahl. […]

Jägers Militarismus und seine christliche Rechtfertigung des Aggressionskrieges gegen die Sowjetunion wurden nach 1945 verheimlicht und vertuscht. In einem Band mit gesammelten Schriften des Erzbischofs Lorenz Kardinal Jäger, der 1972 in Paderborn erschien, ist die hier zitierte Predigt abgedruckt. Der Text erweckt den Eindruck der Vollständigkeit, doch in Wirklichkeit sind, ohne die Weglassung zu kennzeichnen, folgende vier Zeilen getilgt:

„…kämpft und sterbt ihr auch, wie mir das immer wieder aus euren Briefen entgegenklingt, für die Bewahrung des Christentums in unserem Vaterland, für die Errettung der Kirche aus der Bedrohung durch den antichristlichen Bolschewismus.“

Diese Fälschung deckte der ‚Spiegel’ auf, als es 1972 – der Herausgeber Augstein (FDP) kandidierte in Paderborn für den Bundestag – zu einer Polemik zwischen Kandidat und Erzbischof kam.

Jäger predigte gegen Augsteins Buch ‚Jesus Menschensohn’, er verglich es ausgerechnet mit Alfred Rosenbergs ‚Mythos des 20. Jahrhunderts’. Augstein konterte mit einem Text, den er jedoch in lokal verbreiteten Zeitungen nicht einmal als Anzeige unterbringen konnte.

„Rosenberg war verantwortlich für Massenmorde in besetzten Gebieten, erobert in einem Krieg gegen die Sowjet-Union, den Sie – Sie, Herr Kardinal! – 1941 wörtlich als notwendig ‚für die Bewahrung des Christentums in unserem Vaterland, für die Errettung der Kirche aus der Bedrohung durch den antichristlichen Bolschewismus’ propagiert haben. Ein Krieg gegen die Russen, die nach Ihren Worten aus dem Jahre 1942 ‚durch ihre Gottfeindlichkeit und durch ihren Christushaß fast zu Tieren entartet sind’. Dies allerdings ist der Ton Alfred Rosenbergs, und dies allerdings ist gewiß nicht der Ton, in dem sich ‚christliche Verantwortung’ artikuliert.“

[…] Es ist – heute - kaum mehr zu glauben, was dieser Erzbischof der katholischen Kirche geleistet hat für die Rechtfertigung der nationalsozialistischen Kriegsverbrechen, was dieser hohe Repräsentant einer Kirche, die sich als Widerstandsorganisation darstellen will, tatsächlich geglaubt und gepredigt hat: Treue bis in den Tod für Hitlers Krieg.


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Lorenz Jäger: Ein Feldherr Gottes in Hitlers Krieg

Von Werner Graf

 
 
  Erzbischof Jäger als Divisionspfarrer 1943

Foto: Wikipedia
 
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