| |  |
Argumente:
Konsequente Kapitalismuskritik
von
Ekkehard Lieberam*,
Solange die
Führungsschicht der Linkspartei »politische Gestaltungsmöglichkeiten
im Kapitalismus« sieht und realisiert, kann DIE LINKE. nie das werden, was
sie für sich beansprucht: die Partei aller Linken
In
einer späteren »Parteiengeschichte der Bundesrepublik« wird das
neue Jahr als Jahr der Konstituierung einer vereinigten Linkspartei sicherlich
Erwähnung finden. Die Grunddaten kann man schon heute benennen. Gründungsdokumente
für DIE LINKE. als Zusammenschluß von Linkspartei.PDS und WASG liegen
allesamt »beschlußreif« vor. Der Vereinigungstermin am 15./16.
Juni ist bekannt. An dem Namen des designierten Parteivorsitzenden wird sich kaum
noch etwas ändern. Das Parteiensystem der Bundesrepublik vollendet mit der
sich vereinigenden Linkspartei augenscheinlich eine Transformation hin zu einer
anderen Form und Gangart. An die Stelle des nach 1961 über 20 Jahre hinweg
erfolgreichen »Zweieinhalbparteiensystems« ist ein Fünfparteiensystem
getreten mit viel Unzufriedenheit in der Bevölkerung gegenüber allen
Parteien. Meinungsumfragen und Wahlergebnisse haben die Öffentlichkeit, auch
die Führungen der anderen Parteien, darauf vorbereitet, daß es zukünftig
eine linke parlamentarische wirksame Partei geben wird, die mit einem Stimmenanteil
von etwa zehn Prozent im Rahmen dieses Parteiensystems rechnen kann.
Unklar
ist, wie sich diese Partei politisch orientieren wird, ob mit der neuen linken
Partei wirklich die linke Einheit hergestellt werden kann und ob tatsächlich
der Klasseninteressengegensatz in der Bevölkerung auch im Parteiensystem,
außerparlamentarisch und parlamentarisch zugleich, wirksam in Erscheinung
treten wird. Erwartungen sind groß, daß DIE LINKE. zum Sprecher der
gesellschaftlichen Opposition gegen den Neoliberalismus wird, zu einer parteipolitisch
und zugleich gesellschaftspolitisch ernsthaften vereinten Kraft gegen das Einreißen
des sozialstaatlichen Gebäudes, gegen Demokratiezerfall und Kriegsführungspolitik.
Demgegenüber steht die durch nicht wenige politische Vorgänge in dieser
Partei begründete Sorge, sie könne doch nur wieder ein weiterer politischer
Leichnam werden: auf dem Wege zu einer den heutigen und zukünftigen Anforderungen
tatsächlich gerecht werdenden linken Partei.
Vor
allem in der Basis der Linkspartei.PDS gibt es eine verbreitete Einheitseuphorie,
ein politisches Wohlbefinden trotz erkennbar ernster politischer Krankheitssymptome.
Gerade mit der Beschwörung der Einheit der Linken werden diese Krankheitssymptome
häufig verdeckt oder gar als Ausdruck einer zeitgemäßen politischen
Beweglichkeit gerechtfertigt. Im Namen der Einheit ist die Parteibasis offenbar
bereit, programmatische und statuarische Kröten (z. B. den Verzicht auf das
Sozialismusziel als alternative Gesellschaftsordnung und die faktische Entsorgung
kritischer Arbeitsgemeinschaften zumindest auf Parteitagen) zu schlucken. Die
»Einheit der Linken« in der neuen Linkspartei droht zu einer geschlossenen
Veranstaltung zu werden, bei der Neoliberale mitmachen dürfen, Marxisten
aber allenfalls geduldet sind. Grundsätze dieser Einheit werden ständig
in Frage gestellt. Es erscheint bereits als ein Sieg, wenn »demokratischer
Sozialismus« neuerdings in den programmatischen Eckpunkten als Kommunikationsformel
wieder voll akzeptiert wird. Zwischen den Prinzipien einer zeitgemäßen
linken Partei und dem praktisch-politischen Verhalten der Linkspartei.PDS als
Regierungspartei in Berlin liegen Welten. Während in den Eckpunkten verlangt
wird, »Barrikaden gegen die neoliberale Offensive« zu errichten, ist
man in Berlin bereit, eben diese neoliberale Politik weiterhin zu exekutieren.
Linke
Politik heute
Der von Antonio Gramsci geforderte Stellungskrieg zwischen
Kapital und Arbeit findet unter Bedingungen einer stabilen hegemonialen Herrschaftskonstellation
zugunsten des Kapitals im Innern wie international statt. Die herrschende Klasse
verändert mit der Politik des Neoliberalismus die gesellschaftlichen und
politischen Verhältnisse entsprechend ihren Profitinteressen. Sie kann dies,
weil eine kraftvolle und einheitliche Gegenwehr der abhängig arbeitenden
Klasse nach dem Wegfall der Systemkonkurrenz ausbleibt. Widerstandsaktionen werden
von einigen Hunderttausend unterstützt, nicht von Millionen. Die Statistik
besagt, daß auch unter den Bedingungen sinkender Reallöhne die Streikaktivitäten
stagnieren. Der Medieneinfluß der Linken mißt sich prozentual irgendwo
nach einer Null vor dem Komma. Die Gewerkschaften als Klassenorganisationen der
abhängig Arbeitenden sind schwach bzw. kompromißbereit. Angesichts
dieser Situation liegt die Aufgabe einer Linkspartei auf der Hand: Sie muß
in enger Zusammenarbeit mit den Betroffenen in Kleinarbeit diese Entwicklung versuchen
umzukehren. Sie muß sich als Teil, möglichst auch als Zentrum von Gegenwehr
verstehen bzw. entwickeln.
»Linke
Einheit« muß identisch sein mit wirklicher linker Politik gegen die
Kapitalinteressen, gegen den Neoliberalismus. Dies bedeutet, sich ohne Wenn und
Aber auf die Seite der abhängig Arbeitenden und der sozial Ausgegrenzten,
der bloßen Eigentümer von Arbeitskraft zu stellen, deren soziale und
politische Rechte im zunehmend entfesselten Kapitalismus weggeräumt werden.
Ein solches Verständnis von Interessenvertretung wäre zugleich ein tragfähiges
machtpolitisches Konzept. Im dem Maße, wie die neue Linkspartei diese Interessen
konsequent vertritt und dabei auch die Betroffenen mobilisiert, selbst für
ihre Interessen zu kämpfen, wird ihr politischer Einfluß wachsen, sicherlich
auch als Parlamentspartei, aber vor allem auch als politische Kraft in der Gesellschaft.
Ein
Grundfehler vieler Politiker der sich formierenden Linkspartei ist ein verkürztes
Politikverständnis. Nicht primär die Politik bestimmt die Grundlinien
der gesellschaftlichen Entwicklung, sondern die Gesetzmäßigkeiten der
kapitalistischen Wirtschaft, vor allem der Modus der Kapitalakkumulation. Regierungs-
bzw. Staatspolitik ist im übrigen weder eine autonome Sphäre noch eine
Willensfrage. Parteien beeinflussen Politik; sie machen sie nicht. Und zwar nicht
nur, weil Staatspolitik auch Kompromißfindung der Parteien mit Verbänden,
Lobbyisten, Medienmächtigen und Machtzirkeln ist. Staatspolitik, die »politische
wie die bürgerliche Gesetzgebung«, proklamiert und protokolliert »nur
das Wollen der ökonomischen Verhältnisse«, schrieb Karl Marx in
seiner Schrift »Das Elend der Philosophie«. Gerade heute beinhaltet
Staatspolitik in besonders krasser Weise eine Verbesserung der Verwertungsbedingungen
für das Kapital. Wer entgegen diesem »Wollen« als Regierungspolitiker
Politik gegen das Kapital macht, dem wird, falls er nicht einlenkt, alsbald das
Ende der Fahnenstange gezeigt, mittels Interventionen der Unternehmerverbände
und Konzernmanager, über Medienkampagnen und gegebenenfalls auch mittels
Kapitalflucht.
Antineoliberaler Grundkonsens
»Strategisches
Ziel«, so heißt es in den »Eckpunkten auf dem Weg zu einer neuen
Linkspartei in Deutschland«, sei ein »politischer Richtungswechsel«
für eine sozial gerechte Gesellschaft gegen den vollzogenen Übergang
»zu einer marktradikalen, neoliberalen Politik«. Das klingt sehr konsequent,
schwebt aber politisch in der Luft, weil unklar bleibt, wie dieser »zweite
Schritt« gemacht werden kann, ohne zuvor den »ersten Schritt«
erfolgreich getan zu haben, nämlich im Abwehrkampf dafür die politischen
Voraussetzungen zu schaffen. Ein politischer Richtungswechsel wird nicht zu haben
sein ohne einen konsequent geführten, höchstwahrscheinlich lang andauernden
Abwehrkampf gegen die neoliberale Politik, ohne eine im Verlaufe dieses Kampfes
sich formierende gesellschaftliche und politische Kraft, die stark genug sein
wird, um die neoliberale Kapitaloffensive zu stoppen. Davon ist in den »Eckpunkten«
kaum die Rede. Wie aber soll eine strategische Wende, ein grundlegender Politikwechsel
erreicht werden, ohne erst einmal die politischen Hausaufgaben im Kampf gegen
Privatisierung, gegen Sozialabbau und Massenentlassungen machen? Wer den Abwehrkampf
nicht oder unzureichend führt oder gar durch Kumpanei mit den Neoliberalen
konterkariert, der wird auch keine strategische Wende herbeiführen.
Neoliberale
Politik ist eben nicht, wie in den Eckpunkten und von Politikern der Linkspartei.PDS
immer wieder unterstellt, »neoliberaler Zeitgeist«. Sie ist Konsequenz
der mit mikroelektronischen Produktivkraftrevolution einhergehenden Verwertungskrise
des Kapitals und der vor gut eineinhalb Jahrzehnten entstandenen Herrschaftskonstellation
zugunsten des Kapitals. Insofern ist sie auch keine Politikform unter anderen,
neben einer auch möglichen Neuauflage sozialreformistischer Politik
was Abstufungen neoliberaler Politik nicht ausschließt. Natürlich müssen
die Linkskräfte sich in ihrem sozialpolitischen Verteidigungskampf auch auf
ein Programm für die Zeit »nach einer politischen Wende«, d.
h. auf ein Programm sozialer und politischer Verbesserungen und möglichst
auch auf Grundsätze eines »neuen Sozialismus« verständigen.
Ohne eine solche Verständigung wird eine ernsthafte politische Bewegung gegen
den Neoliberalismus nicht zustande kommen. Ein derartiges »Kampfprogramm«
aber verfehlt seinen Sinn, wenn es sich als eine Art Regierungsprogramm versteht
und suggeriert, eine neue Ära sozialpolitischer und demokratischer Verbesserungen
nach den nächsten oder übernächsten Bundestagswahlen sei eine reale
Möglichkeit.
Derartige
Illusionen versperren den Blick auf die eigentlichen Aufgaben einer vereinigten
Linken, die diesen Namen tatsächlich verdient. Deren identitätsstiftendes
Markenzeichen kann nur der »antineoliberale Grundkonsens« sein. Dabei
darf dieses Markenzeichen keineswegs als Synonym für bloße Negation
und fehlendes Profil mißverstanden werden. Eine solche Einheit wird nur
Erfolg haben, wenn sie einhergeht mit einer radikalen Kritik der gesellschaftlichen
und politischen Verhältnisse, mit der Revitalisierung von Klassenbewußtsein
und Klassenhandeln der abhängig Arbeitenden und sozial Ausgegrenzten und,
keineswegs zuletzt, mit einer Europäisierung und Internationalisierung des
Widerstandes von unten.
Parlamentarischer Kretinismus
Eine
geschichtliche Erfahrung besagt, daß Hoffnungen auf eine konsequent gegen
das Kapital handelnde Linkspartei infolge der Wirkungsmechanismen des parlamentarischen
Systems über kurz oder lang immer wieder zunichte gemacht wurden. Die Geschichte
der SPD, aber auch die der Linkspartei.PDS machen deutlich, das hier eine nicht
zu übersehende Tendenz wirkt, die aber bei Debatten über Basisdemokratie
oder demokratische Kontrollen fast immer »übersehen« wird.
Jede
linke erfolgreiche Partei trifft auf ein parlamentarisches System mit einer enormen
Integrationskraft. Als Institution der Vertreterdemokratie hat eine erfolgreiche
Partei gut bezahlte Mandate in Bund und Ländern, kann eine Vielzahl von Stellen
als Parlamentsmitarbeiter und Parteiangestellte vergeben. Ihre Abgeordneten agieren
politisch in einem Umfeld, das, wie schon Karl Marx und Rosa Luxemburg anmerkten,
politische Anpassung und parlamentarischen Kretinismus außerordentlich begünstigt.
Ihr werden überdies die Wahlkampfkosten erstattet. Und die der Partei nahestehende
Stiftung bekommt aus der Staatskasse viele Millionen Euro. Je größer
ihre wahlpolitischen Erfolge sind, desto größer wird die Sozialschicht,
die von der Partei lebt und dabei eigene Interessen entwickelt, die sich von denen
ihrer Wählerbasis unterscheiden (womit konsequent linkes Handeln einzelner
Politiker überhaupt nicht ausgeschlossen ist). Je mehr sich diese Interessen
verfestigen, desto schwächer wird der Einfluß der Basis. Die Partei
funktioniert in den Wahlkämpfen mehr und mehr nach den Gesetzen des politischen
Marktes. Um den Anteil am »Wählermarkt« zu erhöhen, tritt
die Aufklärung über die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse
gegenüber der politische Reklame und der Selbstdarstellung als »politische
Gestaltungskraft« in den Hintergrund. Politische und soziale Forderungen
haben dabei durchaus einen Platz, aber weniger als Plattform für den gemeinsamen
politischen Kampf, sondern mehr als Methode in der Gewinnung von Wählerstimmen
der »Unterprivilegierten«. Je mehr sich die Interessen der Führungsschicht
mit der Eroberung von Positionen im parlamentarischen System, im Regierungssystem
und im »Parteienstaat« verfestigen, um so stärker koppeln sich
diese Interessen mit denen der ökonomisch Herrschenden.
Der
bevorstehende Vereinigungsparteitag ist nicht die Stunde Null der »neuen«
Partei. DIE LINKE. konstituiert sich zu einem Zeitpunkt, da vor allem in den ostdeutschen
Ländern ihr Hauptteil, die Linkspartei.PDS, bereits ein erhebliches Stück
dieses Weges der Anpassung zurückgelegt hat. Ihre Parteitage werden von den
politischen Funktionsträgern und deren Mitarbeitern beherrscht. Ihre Programmatik
ist bereits vor mehr als zehn Jahren von der richtigen, weil alle Gegner des Neoliberalismus
einigenden Losung »Veränderung beginnt mit Opposition« bewußt
abgerückt. Im Jahre 2002 wurde sie Regierungspartei in Berlin, unterschrieb
einen Koalitionsvertrag mit einem Bekenntnis, den Anforderungen der »westlichen
Wertegemeinschaft« und der NATO nachzukommen. Als Regierungspartei in Berlin
machte sie bei den Sozialkürzungen, Massenentlassungen und der Privatisierung
allein von 127000 Wohnungen mit. Bereits im Wahlkampf 2002 bot sie sich als Unterstützer
einer von Gerhard Schröder geführten Bundesregierung an. Das Wort ihrer
ehemaligen Parteivorsitzenden Gabriele Zimmer auf dem Geraer Parteitag Ende 2002,
sei der Eindruck entstanden, man könne mit der PDS alles machen, außer
Kriege zu führen, ist nach den Berliner Erfahrungen mindestens genauso aktuell
wie vor vier Jahren.
Nicht
zu übersehen ist, daß es in den letzten Jahren, besonders deutlich
im Jahre 2004 unter dem Eindruck der massiven Angriffe mit »Hartz IV«,
auf die Lebensinteressen der abhängig arbeitenden Klasse ein merkliches Streben
in ihr nach politischer Eigenständigkeit gegenüber dem Kapital und deren
Parteien gibt. Seinen Ausdruck fand das auch in der Hinwendung von Sozialdemokraten,
aktiven Gewerkschaftern und Parteilosen zur Wahlalternative Soziale Gerechtigkeit
(WASG) und dann auch von etwa drei Millionen Arbeitern, Angestellten und Arbeitslosen
bei den Bundestagswahlen 2005 zur Linkspartei. Dieses immer noch bescheidene und
z.T. auch vage Streben eines merklichen Teils der arbeitenden Klasse trifft auf
eine sich vereinigende linke Partei mit einem unverkennbar zwiespältigen
Charakter. Mit dieser Partei ist zum einen die Chance verbunden, dieses Streben
zu stärken und in den politischen Auseinandersetzungen (bis hin zur Beeinflussung
der Staatspolitik) zur Geltung zu bringen. Zum anderen hat die Linkspartei.PDS
zweifelsohne bereits einen bestimmten politischen Gebrauchswert für das Kapital.
Die antikapitalistischen Kräfte in und außerhalb der sich formierenden
Partei kommen nicht umhin, diesen Widerspruch deutlich zu machen. Auftretende
Konflikte, wie in Berlin, können sie im Interesse der Zukunft der Bewegung,
eines einheitlichen Kampfes aller Linkskräfte gegen den Neoliberalismus nicht
unter den Teppich kehren. Sie müssen entsprechende Konflikte auskämpfen.
Sie müssen die nach wie vor bestehende Möglichkeit ausschöpfen,
die sich neu formierende linke Partei zumindest als Operationsbasis für eine
konsequente linke Politik gegen Neoliberalismus, Kriegsführungspolitik und
Kapitaloffensive zu nutzen und zu stärken.
Strategische Differenzen
In
den Auseinandersetzungen um die gesellschaftspolitische Strategie der neuen Partei
stehen sich zwei Konzepte gegenüber, die seit mehr als zehn Jahren die Auseinandersetzungen
in der PDS bestimmen: das Konzept konsequenter gesellschaftspolitischer Opposition
und das des sogenannten strategischen Dreiecks. Letzteres bezeichnet die vermeintliche
Einheit von außerparlamentarischem Kampf, über den Kapitalismus hinausweisenden
Reformalternativen und politischer Gestaltung auch mittels Regierungsbeteiligung.
Beide Konzepte arbeiten mit ähnlichen Begriffen und vermitteln dennoch eine
letztlich konträre politische Handlungsorientierung. Beide betonen die Frontstellung
gegen den Neoliberalismus und die Verteidigung sozialstaatlicher Errungenschaften.
Sie bekennen sich zur Bedeutung des außerparlamentarischen Kampfes. Sie
bezeichnen die grundlegende Veränderung des politischen Kräfteverhältnisses
als entscheidende Voraussetzung für eine »politische Wende«.
Nicht nur die Verfechter des »strategischen Dreiecks«, sondern auch
zum Teil Vertreter der Oppositions- bzw. Gegenmachtkonzeption verwenden den Begriff
der Transformationsstrategie. All das täuscht über die tiefen Differenzen
beider Politikkonzepte hinweg.
Das
Gegenmachtkonzept geht davon aus, daß die Möglichkeiten der Einflußnahme
der Linkskräfte auf die Staatspolitik sich objektiv außerordentlich
verengt habe und es darauf ankomme, im Abwehrkampf eine eigenständige politisch-organisatorische
und geistig-kulturelle Gegenmacht der abhängig Arbeitenden gegen die neoliberalen
Kapitalherrschaft zu schaffen. Das »strategische Dreieck«, nunmehr
in den Eckpunkten auch für die neue Partei für verbindlich erklärt,
plädiert ebenfalls für die Abwehr der neoliberalen »Konterreformen«
und die Änderung des politischen Kräfteverhältnisses, bejaht aber
die Möglichkeit »politischer Gestaltung« und einer sukzessiven
»Beendung der Vorherrschaft der Kapitalverwertung« jetzt und heute.
Es setzt auf außerparlamentarischen und gewerkschaftlichen Widerstand, auf
über den Kapitalismus hinausweisende Reformalternativen, die Zug um Zug realisiert
werden sollen. Durch wen? Erklärtermaßen durch die politische Gestaltungskraft
der neuen Linkspartei bei »Einleitung eines Politikwechsels« in Landesregierungen
und in einer Bundesregierung.
Es
fällt schwer, nach den Berliner Erfahrungen hier noch von bloßen Illusionen
zu sprechen. Diese Erfahrungen besagen, daß eine solche Strategie zwar auf
dem Papier womöglich nicht wenigen verständlich erscheint, aber in der
politischen Praxis hinten und vorne nicht stimmt. Sobald der »Ernstfall«
der Regierungsbeteiligung eintritt, versagt das »strategische Dreieck«,
wird es auf den Punkt der Regierungstätigkeit reduziert, auf deren Einbindung
in die neoliberale Gesetzesmaschinerie, ist von Widerstand und Reformalternativen
nicht oder kaum noch die Rede. Die Entwicklung einer gesellschaftlichen Opposition
wird enorm geschwächt. An die Stelle der linken Einheit im außerparlamentarischen
und parlamentarischen Kampf tritt der Brückenschlag zu den Neoliberalen und
dann unvermeidlich eine wachsende Krise des Vertrauens seitens der abhängig
arbeitenden Klasse, eine Stärkung der sowieso in der Bevölkerung verbreiteten
Meinung, man könne keiner Partei trauen. Das Schicksal der neuen Linkspartei
als politische Chance für diese Klasse und für eine einheitlich handelnde
Linke wird davon abhängen, ob eine Entwicklung in diese Richtung verhindert
werden kann.

 *
Prof. Ekkehard Lieberam ist Rechts- und Politikwissenschaftler und Sprecher
des Marxistischen Forums Sachsen in und bei der Linkspartei.
©
junge Welt, 09.01.2006 | |