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Argumente:
Ich
soll weg
Ellen
Diederich Wohnen,
das sind nicht zu einem Quadrat gemauerte Steine, mit Tapeten bezogen, die beliebig
gewechselt werden können. Wohnen, das ist für mich in den 15 Jahren,
in denen ich in meiner Wohnung lebe, die Umwandlung einer grauen Betonlandschaft
im Hof in eine grüne Oase, das Abtrotzen von drei Quadratmeter Garten, ist
die Linde, die in dieser Zeit zehn Meter höher gewachsen ist, das sind die
Kinder der Anne-Frank-Schule auf der anderen Straßenseite, das sind FreundInnen,
die auf dem Weg zum Einkauf auf einen Kaffee vorbeikommen, das ist das Spruchband
im Fenster: Kein Krieg nirgends, das sind die Erinnerungen an all die Aktionen
gegen Krieg, für eine gerechtere Welt, die von diesem Hof ausgingen, die
LKWs, die voll beladen mit Kleidung, Lebensmitteln, Medikamenten zu den Flüchtlingslagern
in Kroatien und Bosnien gefahren sind, das sind die Tage mit den Kindern aus allen
Flüchtlingsunterkünften, die wir hier hergeholt, mit den wir gespielt
und gesungen haben, das ist Erinnerung an Gäste aus vielen Ländern,
das ist aus der ganzen Welt zusammengetragenes gelebtes Leben, sind Bücher,
Musik, Fotos, Filme, Kunst, das ist die Erinnerung an die lange Krankheit der
besten Freundin, die Nächte des Vorlesens, um ihre Schmerzen vergessen zu
machen, und ihren Tod. Ich
habe eine große Wohnung gemietet, weil ich seit 15 Jahren das Internationale
Frauenfriedensarchiv aufgebaut habe, im Zorn darüber, daß bei all den
Friedensaktivitäten, an denen ich weltweit beteiligt war, deutlich wurde,
daß Frauen den größten Teil der Arbeit machen, was aber nicht
dokumentiert wird. Eine große Sammlung ist zusammengekommen, Bücher,
Fotos, Filme, Plakate, Ausstellungen, Kunstgegenstände. Für die Friedensarbeit
hat mich die Stadt Oberhausen mit der Ehrennadel der Stadt ausgezeichnet.
Nun bin ich eine
von etwa 700.000 Menschen in Deutschland, die einen Brief von einer Arbeitsagentur
bekommen haben oder in den nächsten Wochen bekommen werden: Ihre Wohnung
ist zu groß, zu teuer. In
sechs Monaten soll ich die Kosten senken, mit dem Vermieter verhandeln, daß
er die Miete reduziert. Ich
soll Fenster abdichten, Isolierungen einbauen, um Heizkosten zu sparen
das geht wunderbar von 345 Euro Hartz IV im Monat. Oder
ich soll Untermieter aufnehmen. Oder
ich soll in eine »angemessene« Wohnung einziehen: 45 Quadratmeter,
216 Euro Miete als Obergrenze. Jeden
Monat soll ich einen Nachweis über meine Anstrengungen einreichen.
Ziehe ich nicht um,
werden nach sechs Monaten nur noch die Kosten übernommen, die ich hätte,
wenn ich umgezogen wäre. Seit
ich diesen Brief bekommen habe, heißt Wohnen auch: Nächte ohne Schlaf,
Erhöhung der Stromkosten, weil Radio oder Fernsehen laufen, um die bohrenden
Gedanken zu übertönen. Wenn ich einschlafe, wache ich bald auf, weil
Wellen von Angst durch den Körper gehen. Ich träume, daß ich losfahre
mit einem Ziel, aber nie dort ankomme, sondern immer irgendwo lande, wohin ich
gar nicht will. Ich fahre ans Meer und kann es nicht erreichen. Ich träume
von zerbrochenen Brillen, ausgefallenen Zähnen, die ich nicht mehr ersetzen
kann. Phantasien von Vertreibung, Flüchtlingsdasein, Obdachlosigkeit geistern
durch die Träume. Ich, die ich so gut wie nie krank war, bin mit einem Mal
dauernd krank, Blasenentzündungen, (die Psychologie definiert Blasenentzündungen
als ungeweinte Tränen), Erkältungen, eine Gürtelrose.
Umzugsvisionen. Wohin
mit den vielen tausend Büchern? Mit den Gegenständen von Menschen, zumeist
Frauen aus der ganzen Welt, die Ausdruck von Friedenssehnsucht und -willen sind?
Die Angst vor der
Enteignung des gelebten Lebens steigt hoch. Ich
tappe, wie so viele, die betroffen sind, in die Angstfalle. Doch meine Wut wächst.
Im Zusammenhang
mit der Aufforderung, die Wohnungen zu räumen, hat die größte
Vertreibungsaktion in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland begonnen.
Arme Menschen sollen nicht mehr das Recht haben, ihren Wohnort zu bestimmen, werden
herausgerissen aus sozialen Zusammenhängen. Jetzt sind wir nicht nur erwerbslos,
jetzt sollen wir auch unser Zuhause verlieren. Die durch das Grundgesetz garantierte
Unverletzlichkeit der Wohnung ist mit dem Sozialgesetzbuch II und vor allem mit
den neuen Bestimmungen außer Kraft gesetzt. Die Menschen werden vertrieben,
sollen sich billigeren Wohnraum suchen, der nicht vorhanden ist. Es
läuft eine beispiellose Kampagne der Diskriminierung von Erwerbslosen. In
Talk-Shows, Gerichtssendungen werden immer mehr Fälle konstruiert, in denen
Menschen als »Sozialschmarotzer«, als »Parasiten« dargestellt
werden. In
einer Sparte gibt es neue Jobs: in der Sparte »Sozialdetektive«. Diese
werden mit immer mehr Rechten ausgestattet. Sie gehen in Wohnungen, informieren
sich bei Nachbarn über Lebensalltag von Erwerbslosen, sie kontrollieren Schränke
und wie viel Zahnbürsten im Bad vorhanden sind. Jederzeit kann die Agentur
für Arbeit anrufen. Handeln wir nicht kooperativ, drohen Strafmaßnehmen,
Kürzung von Geld. Ein
genereller Vorverdacht ist gang und gebe: Wir haben glaubhaft zu machen, daß
wir nicht kriminell sind. Mit welchem Recht maßt sich diese Regierung an,
Erwerbslose unter Generalverdacht zu stellen? Vor
einiger Zeit hatte der amtierende hessische Justizminister bereits die grandiose
Idee, Langzeiterwerbslosen Fußfesseln anzulegen, damit sie »sich besser
an Arbeitszeiten gewöhnen«, vor allem aber damit sie jederzeit kontrollierbar
sind. »Hartz
IV ist offener Strafvollzug. Es ist die Beraubung von Freiheitsrechten. Hartz
IV quält die Menschen, zerstört ihre Kreativität.« Sagt Götz
Werner, Chef der DM Drogeriemärkte in einem Gespräch im Stern .
Was können
wir tun? »Widerstand
ist das Geheimnis der Freude!« sagt die afroamerikanische Schriftstellerin
und Aktivistin Alice Walker. Unser
großes Problem ist das der Vereinzelung. Wir sind so leise geworden, mucken
nicht auf gegen die vielfältigen Formen der Repression. Immer noch ist da
Scham auf unserer Seite. Wir fragen: Wann kommt der Aufschrei, der zu hören
ist, wann weicht die Resignation der produktiven Wut? Von einer »lautlosen
Massendisziplinierung« spricht der Berliner Politik-Professor Peter Grottian,
einer unserer engsten Verbündeten. »80 bis 90 Prozent der Betroffenen
regeln das allein, leihen sich Geld, verschulden sich. Es herrscht totale Vereinzelung
und Verängstigung«, hat er erkundet. Wir
müssen uns wehren! Mit anderen zusammenschließen, die in ähnlicher
Lage sind. Die Hoffnung hat zwei schöne Töchter: Wut und Mut. Wut darüber,
wie die Verhältnisse sind, und Mut, sie zu bekämpfen! Überlegen
wir noch einmal einen Moment lang, woher der Begriff Hartz IV kommt und in welchem
Kontext die Aufforderung zum Zwangsumzug sich bewegt. Entwickelt wurde Hartz IV
wie vorher schon Hartz I bis III unter der Leitung des ehemaligen VW-Personalchefs
Peter Hartz, Berater von Altbundeskanzler Gerhard Schröder. Heute wartet
er auf seinen Prozeß. Mögliches Strafmaß: fünf Jahre Haft.
(Wir sind gespannt, was wirklich dabei herauskommt.) Focus
zitiert die Anklage. Danach hat Hartz jahrelang Konzerngelder veruntreut, um Betriebsräte
zu begünstigen, damit sie nicht gegen Entscheidungen des Konzerns rebellieren.
Aber auch zu seinem eigenen Privatvergnügen sind demnach Gelder abgezweigt
worden. Der Umgang mit Prostituierten von Shanghai bis Brasilien war ein Teil
des kostenintensiven Alltags. Zur gleichen Zeit entwickelten Hartz und seine MitarbeiterInnen
für Millionen Menschen das Programm Hartz IV, das für etwa 20 Prozent
der Bevölkerung in Deutschland eine radikale und permanente Verarmung und
Verschlechterung der Lebensbedingungen bedeutet. Der
Spiegel stellte Mitte Mai fest: »Die Verwaltungskosten für Hartz IV
sind stärker gestiegen als die Leistungen an die Langzeiterwerbslosen.«
Bund und Kommunen wollen streichen, wollen mehr Druck auf die Erwerbslosen ausüben.
Sie wollen 2006 rund 500 Millionen Euro einsparen und vom kommenden Jahr an 1,5
Milliarden Euro jährlich. Artikel
1 Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland lautet: »Die Würde des
Menschen ist unantastbar.« Das Wort Würde, das im alten Sozialhilfegesetz
noch vorkam, ist nicht ohne Grund aus dem SGB II gestrichen worden. In
Nordrhein-Westfalen versuchen wir jetzt, ein Netzwerk der Erwerbsloseninitiativen
aufzubauen. Motto: Statt Ich-AGs Wir-Kollektive.
 © Ossietzky 13
/ 2006 von Ellen Diederich, Lothringer Str. 64, 460454 Oberhausen,
Email: friedensa@aol.com
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