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Argumente:
Sie
wissen nicht, was sie tun, aber sie tun es
Teil I
Teil
II
Bildungspolitik fängt nicht erst mit den
jüngsten Beschlüssen des NRW-Kabinetts an. Dahinter
liegt eine Wegstrecke, auf der sich das Verhältnis des
Staates zu seinen Bügern und umgekehrt wesentlich neu
definiert bzw. verändert hat. Auch das Verhältnis
der Gesellschaftstheorie zur gesellschaftlich-historischen
Entwicklung und deren politischer Umsetzung hat im Verlauf
der letzten dreißig Jahre einen Wandel erfahren. Im
Fokus stehen dabei auch Theoretiker wie Francis Fukuyama und
Friedhelm von Hayek.
Beobachtungen von LOTHAR ZEDLER
Kaum jemand rechnete ernsthaft damit, dass sich Anfang
der 90er Jahre der Ostblock so plötzlich auflöste.
Umso größer war die politische Euphorie, all jene
die Menschheit bedrückenden Probleme und Übel könnten
nun gelöst werden, für die selbstverständlich
das Reich des Bösen im Osten verantwortlich
war. Treffend für viele stellte der amerikanische Historiker
Francis Fukuyama die These in den Raum, ob die konkurrierende(n)
Herrschaftsformen wie die Erbmonarchie, der Faschismus und
in jüngster Zeit der Kommunismus der liberalen Demokratie
unterlegen sind.
Aber welche Modelle der liberal-demokratischen Staaten meinte
Fukuyama überhaupt: etwa den europäischen Wohlfahrtsstaat
nach deutschen Vorbild, die USA unter Ronald Reagan oder Großbritannien
unter Margareth Thatcher die Eiserne Lady, die ernsthaft
erwog, für Strafgefangene die Prügelstrafe einzuführen
und öffentlich damit prahlte, die bisher staatlich subventionierte
Milchspeisung für Kinder in den Schulen abgeschafft zu
haben? War nun, um zu der These Fukuyamas zurückzukehren,
mit dem Ende des Kommunismus und dem alleinigen Verbleib der
liberalen Demokratie als gesellschaftliche Organisationsform
der `Endpunkt der menschlichen Evolution` und das `Ende der
Geschichte` erreicht?
War die Zeit nun endlich reif dafür, die überlegenen
(?) westlichen Strukturprinzipien wie liberale Demokratie
und Kapitalismus auf dem gesamten Globus durchzusetzen? Oder
sind liberale Demokratie und Kapitalismus selbst nur Fahrende
in einem Zug des ständigen historischen Wandels, der
an seiner nächsten Haltestellen Fahrgäste auch hinauswirft?
Nachdenklichkeit ist anhand der immer offener zu Tage tretenden
Fehlentwicklungen nötiger denn je: sinkende Einkommen
der Bevölkerungsmehrzahl und des Staates in den postmodernen
Industriestaaten, unaufhaltsamer Abstieg der dritten
und vierten Welt, die kontinuierlich voranschreitende
Zerstörung der Ökosphäre und rücksichtslose
Ressourcenausbeutung, die zunehmende Entsolidarisierung der
Gesellschaft, unkontrolliert vagabundierende Kapitalströme
und nach dem Ende des Ost-West-Konflikts die weitere Existenz
von Massenvernichtungswaffen.
Ideologischer Überbau steter Fehlentwicklungen: Neoliberalismus
Sozialabbau, mehr Markt, mehr Wettbewerb und Flexibilität,
weniger staatliche Gesetze und mehr Eigenverantwortung! Nur
ein `schlanker` oder deregulierter Staat ist überhaupt
in der Lage, die wirtschaftliche Situation wesentlich zu verbessern
das ist der Tenor der gegenwärtigen politischen
Debatte. Begleitet wird diese Debatte häufig von `Kampfparolen`,
die sich gegen Sozialstaat, Gewerkschaften und Parlamentarismus
richten. Die Gesellschaftstheorie dieses Kampfes ist der Neoliberalismus,
welcher die uneingeschränkte Autonomie der Besitzer von
Geld- und Produktivvermögen legitimiert. Friedrich von
Hayek, der bedeutendste Vertreter dieser Theorie, erhielt
1974 für seine Ausführungen den Nobelpreis. Bis
zum heutigen Tage ist der Nobelpreis neoliberalen Theoretikern
vorbehalten.
Hayeks neoliberaler Theorie zufolge darf die kapitalistische
Marktwirtschaft erstens kein konkretes Ziel haben, zweitens
darf sie keine soziale Gerechtigkeit herstellen noch Produktion/Beschäftigung
maximieren und drittens kein Parlament bzw. Gewerkschaften
haben, die in den Wirtschaftsprozess eingreifen. Um diese
Einschränkungen zu verstehen, muss man sich zunächst
mit Hayeks Evolutionstheorie auseinandersetzen. Sie bildet
den Ausgangspunkt für Hayeks Überlegungen.
Die face-to-face-society, die nach Hayek eine
zweckgerichtete Organisation darstellte, verfolgte konkrete
Ziele, in dem sie die Nahrungsmittelbeschaffung maximierte
und die nicht mehr Arbeitsfähigen versorgte. Allerdings
blieb die Evolution auf dieser Entwicklungsstufe nicht stehen.
Die Evolution hat in der Vorstellung von Hayek diesen Stillstand
verhindert: Die meisten Schritte in der kulturellen
Evolution wurden nur dadurch möglich, dass einige Individuen
einige der traditionellen Regeln durchbrachen und neue Verhaltensformen
praktizierten, nicht weil sie erkannten, dass diese besser
waren, sondern weil es Gruppen, die danach handelten, besser
als den anderen erging, und sie deshalb wuchsen. Demnach
sind diejenigen Gruppen begünstigt worden, die die Verfolgung
konkreter Ziele mehr und mehr vernachlässigt und damit
die Gesellschaft ihre Überlebensfähigkeit
maximiert hat. Nach Hayek hat in diesem Evolutionsprozess
die Natur ihre Regeln geändert, indem die Regeln abstrakter
geworden sind. Hayek zufolge war dies die bedeutendste
Veränderung, die der Mensch immer nur noch zum Teil verdaut
hat, kam mit dem Übergang der `face-to-face-society`
zu dem, was Sir Karl Popper zutreffend die abstrakte Gesellschaft
genannt hat: eine Gesellschaft, in der nicht länger die
bekannten Bedürfnisse bekannter Menschen, sondern nur
abstrakte Regeln und unpersönliche Signale des Handeln
gegenüber Fremden bestimmen.
Das Ergebnis dieses Evolutionsprozesses war der Kapitalismus
(Marktwirtschaft, Eigentumsverhältnisse, Wettbewerb),
die spontane Ordnung, in dessen Zentrum der uneingeschränkte
Wettbewerb das entscheidende Kriterium dafür ist, den
Evolutionsprozess kontinuierlich fortzuführen. Erst der
Wettbewerb, so Hayek, löst das große Problem, wie
alle von den vereinzelten Kenntnissen profitieren können,
die auf eine sehr große Anzahl von Personen verstreut
sind. Wettbewerb ist der Entdeckungsprozess dieser Kenntnisse,
der Markt mit der Aussicht auf Gewinn das gesellschaftliche
Koordinationsinstrument.Markt und Wettbewerb werden demnach
für Selektion und folglich Evolution entscheidend, denn
hier wird das mit Einkommen prämiert, was wertvoll und
brauchbar ist. Hayek warnt ausdrücklich vor Forderungen
nach sozialer Gerechtigkeit oder der Monopolisierung des Arbeitsangebotes
durch schlagkräftige Gewerkschaften, da diese den Evolutionsprozess
in ernsthafte Gefahr bringen, denn die Regeln der Marktwirtschaft
brachten es mit sich, (...) den bekannten bedürftigen
Nachbarn das vorzuenthalten, wessen Sie u. U. bedurften, um
statt dessen den unbekannten Bedürfnissen unbekannter
Menschen zu dienen. Finanzieller Gewinn statt Verfolgung eines
allgemeinen bekannten Zieles wurde nicht nur die Grundlage
für die Anerkennung durch andere, sondern auch der Grund
für die Zunahme allgemeinen Wohlstands. Denn nur
die Unterdrückung dieser vorzivilisatorischen Bedürfnisse
und die strikte Unterwerfung unter die abstrakten Regeln des
Kapitalismus (Markt, Eigentum, Wettbewerb) garantiert die
weitere Entwicklung der Gesellschaft. Gut organisierte Gewerkschaften
und Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit bedeuten einen
Rückschritt in der Evolution: Der Mensch wurde
gegen seinen Willen zivilisiert. Die Zivilisation war der
Preis, den er für die Fähigkeit zahlen mußte,
eine größere Kinderschar aufzuziehen.
Die Wohlstandsmehrung ist im Kapitalismus also nicht
Zweck, sondern eine Art Dreingabe. In diesem Kontext
hat Herbert Schui zurecht darauf aufmerksam gemacht, dass
der Kapitalismus von vornherein entschuldigt (ist),
wenn er keinen allgemeinen Wohlstand realisiert, denn das,
was die Evolution hervorgebracht hat, besitzt keine Alternative.
Da in diesem Evolutionsprozess die spontane Ordnung nicht
auf ein konkretes Ziel ausgerichtet ist, ist auch die Funktion
von Parlament und Staat vorbestimmt: es müssen erstens
die allgemeinen Verhaltensregeln durchgesetzt werden, damit
die spontane Ordnung gewährleistet werden kann und zweitens
muss, so Hayek, der Staat Leistungen erbringen, die
aus verschiedenen Gründen von den spontanen Ordnungskräften
des Marktes gar nicht oder nur unvollkommen geboten werden.
Dies verdeulicht Hayek noch einmal explizit in einer anzustrebenden
Verfassungsreform, in der das aktive und passive Wahlrecht
nur Frauen und Männern zusteht, die älter als 45
Jahre sind, da sie die Probleme in längerer Sicht
betrachten und nicht von den schwankenden Moden und Leidenschaften
einer wandelbaren Masse abhängig sind.
Diese Versammlung formuliert letztendlich die allgemeinen
Verhaltensregeln im Sinne der Gewährleistung des Privateigentums
und privaten Vertragsfreiheit aus und entzieht sie einem wandelbaren
Wahlverhalten des Volkes. Damit wird, wie Schui es hervorhebt,
eine doppelte Disziplinierung der Massen durch Markt
und Meinungsführer mit dem Ziel (durchgeführt),
sie (das Volk; Anm. d. Verf.) zur Akzeptanz ihrer benachteiligten
Position in Wirtschaft und Gesellschaft zu bewegen oder zu
zwingen. Auf dieser Grundlage kann sich dann das Spiel
des Marktes ohne die Intervention des Parlaments
frei entfalten.
Es wundert nicht, dass Hayeks Anschauungen auch rassistische
Elemente enthalten. So führt er aus, dass für
die Wissenschaft der Anthropologie (...) alle Kulturen gleich
gut sein (mögen), aber zur Aufrechterhaltung unserer
Gesellschaftsordnung (der westlich-kapitalistischen; Anm.
d. Verf.) müssen wir die anderen als weniger gut ansehen.
Schui weist darauf hin, dass in den Hayek`schen Vorstellungen
die kulturelle Evolution durch Einmischung anderer Kulturen
zum Stillstand kommt. Kulturrassistisch werden diese Überlegungen
Hayeks vom neoliberalen Parteienkartell aufgegriffen, um ihre
Position zur Zuwanderung von Ausländern zu rechtfertigen.
Dass dieses politisch-ökonomische System, wie es der
Neoliberalismus nun einmal verkörpert, zu keinen gesamt-gesellschaftlichen
oder ökologisch-nachhaltigen (zukunftsweisenden) Ergebnissen
führt, ist aufgezeigt worden. In einem zweiten Teil werde
ich in einigen Tagen die Auswirkungen neoliberaler Strukturpolitik
auf den Arbeitsmarkt darstellen.
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zu Teil II
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