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Glosse
vom 17. Juni 2009:
Wir sind alle Kapitalisten
- und verrückt
Von
SPE
Bekanntlich
werden kapitalistische Lebensverhältnisse durch Interessengegensätze
bestimmt. Der bekannteste ist der zwischen Kapital und Lohnarbeit.
Wie aber, wenn obzwar gut begründete, aber gegenläufige
Interessen sich in einer Person vereinen? Und wie, wenn diese
gespaltene "Rationalität" sogar der Regelfall
ist?
Etwa
so: "Welch absurde und gleichzeitig erstaunliche Rationalität
das Renditeprinzip zu produzieren imstande ist, zeigt sich
exemplarisch am Beispiel der Rentenfonds. Wenn beispielsweise
ein Stahlarbeiter in einen Pensionsfonds einzahlt, dieser
dessen Beträge an einen Investitionsfonds weiterreicht,
welcher wiederum Anteile an seinem Stahlwerk kauft und zur
Erhöhung der Rentabilität in der Folge Arbeitsplatzabbau
oktroyiert, dann ist es im materiellen Interesse dieses Stahlarbeiters
in seiner Rolle als künftiger Rentner, sich selbst zu
entlassen."
Oder
so: "Was, wenn unser Stahlarbeiter sich mit anderen Stahlarbeitern
zusammentäte. Die ihrerseits Anteile an besagtem Rentenfonds
halten, und mit diesen gemeinsam den Kapitalverwaltern auftragen
würde, das Renditeprinzip nicht mehr allzu streng im
Auge zu haben? Er würde auch nicht froh, sondern nur
eine rasante Dynamik der Kapitalvernichtung in Gang setzen:
Sein Stahlwerk wäre, würde es nicht zu Rationalisierungen
gezwungen, in der kapitalistischen Konkurrenz bald hoffnungslos
unterlegen, sein Arbeitsplatz wäre hochgradig gefährdet,
und seine Ersparnisse wären schnell nur mehr die Hälfte
wert - bestenfalls..." (aus: Robert Misik: Pensionsfonds,
Stuttgart 1997)
Es
war Karl Marx, in den "Grundrissen", der die kapitalistische
Wirtschaftsweise als "rational und verrückt"
zugleich kennzeichnete. Vielleicht ist es diese sehr menschliche
Mischung, die uns den Kapitalismus als so sympathisch erscheinen
lässt. In ihm spiegelt sich unsere eigene Klugheit und
Idiotie.


Gesammelte
Glossen 2006-2008
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