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Veranstaltung des Linken Forums Paderborn vom 28. März 2007:


"Edelweißpiraten"

Filmvorführung und Diskussion mit Jean Jülich und Arno Klönne



Alte und neue Widerständler: Zeitzeuge Jean Jülich (2. v. l.) mit Arno Klönne (2. v. r.) und Reinhard Borgmeier (r.) vom Linken Forum Paderborn, das die Veranstaltung im Cineplex organisiert hatte. Ganz links: Kino-Chef Hans-Werner Renneke. FOTO: EVA WILLERMANN


Presseecho:

vom 30.03.2007:

Ein ehemaliger "Edelweißpirat" berichtet:

Es gab nicht nur die Hitler-Jugend

Ist die nachwachsende Generation unter dem Hitler-Regime widerspruchslos den Parolen der Staatsjugendorganisation gefolgt und in den Marschkolonnen des NS-Systems mitgezogen? Keineswegs, es gab vielmehr in manchen Städten eine breite und attraktive nonkonforme Jugendszene - so der authentische Bericht des Zeitzeugen Jean Jülich aus Köln. Dem Cineplex und dem Linken Forum war es gelungen, Jülich als ehemaliges Mitglied nach Paderborn zu holen. Im Anschluss an den Spielfilm "Edelweißpiraten" (Niko von Glasow) erzählte Jean Jülich von seinen Jugenderlebnissen, von den freiheitsdurstigen "bündischen Umtrieben" und der gnadenlosen Verfolgung durch die Gestapo. Viele Fragen über diese Zeit wurden in der gut besuchten und von vielen jungen Leuten bestückten Veranstaltung gestellt und von Jülich beantwortet, ergänzt durch Kommentare des Paderborner Sozialwissenschaftlers Arno Klönne, der vor vielen Jahren die erste systematische Forschungsarbeit über Jugendopposition im "Dritten Reich" veröffentlicht hat. Der Film "Edelweißpiraten" hat das bittere Schicksal von "Edleweißpiraten" in der brutalen Situation des Jahres 1944 in der Trümmerstadt Köln zum Gegenstand - aber zum Leben dieser rebellischen Jugendlichen gehörten auch jugendromantische Unternehmungen, ein freies Fahrtenleben und eine eigene Liedkultur, all das ständig bedrängt durch die Organe des NS-Staates, dem es darum ging, die Gesamtheit der jungen Generation in den Drill des HJ-"Jugenddienstes" hineinzuzwingen. Eine "gesungene Dokumentation" trug zur Veranstaltung über die "Edelweißpiraten" in Paderborn eine Gruppe des Mädchenwandervogels aus Bielefeld bei; sie brachte Lieder aus dem damaligen jugendbündischen Untergrund zu Gehör.

 Jean Jülich hat übrigens in einem Buch über sein Leben erzählt: "Kohldampf, Knast un Kamelle", erschienen bei Kiepenheuer & Witsch in Köln.
 



Pressebericht in der Neuen Westfälischen vom 30.03.2007:

„Eigentlich wollten wir nur singen“

Zeitzeuge Jean Jülich über das Schicksal der „Edelweißpiraten“

Paderborn (evw). „Nach dem Krieg gab es plötzlich so viele Anti-Faschisten, ich weiß gar nicht, wo die alle her kamen“, sagt Jean Jülich, Mitglied der Widerstandsgruppe „Edelweißpiraten“ nicht ohne zynischen Unterton. Der Zeitzeuge beantwortete am Mittwochabend viele Fragen zu den „Edelweißpiraten“ und seiner Jugend im Dritten Reich. 200 Besucher waren zum Film „Edelweißpiraten“ , in dem Jean Jülich als Erzähler auftritt, ins Cineplex gekommen.

Der Film handelt von einer Gruppe Jugendlicher, den „Edelweißpiraten“, die von der Gestapo erbarmungslos verfolgt werden. Die Gruppe um die Hauptfigur Karl und seinen Bruder Peter plant gemeinsam mit dem „Bomben-Hans“ das Gestapo-Hauptquartier in die Luft zu sprengen. „Innerhalb von ein paar Stunden hatte die Gestapo mich und alle meine Freunde eingesammelt“, erzählt Jean Jülich. Auf die Frage, ob er denn auch einen Bruder gehabt habe, gibt Jülich zu, dass der Film nicht komplett autobiographisch sei. „Nicht alle Dinge sind 100-prozentig authentisch, aber der „Bomben-Hans“, die Hinrichtungen und die Folterszenen sind wirklich so gewesen“, sagt Jülich. Am 10. November sind acht seiner jugendlichen Freunde, der „Bomben-Hans“ und vier weitere Erwachsene ohne Urteil in der Öffentlichkeit gehängt worden. Jülich bleibt, wie auch die Hauptfigur Karl im Film, weiterhin im Gefängnis und wird erst später von den Amerikanern befreit.

Ein Besucher will wissen, wie normal der Alltag der „Edelweißpiraten“ denn gewesen sei. Jülich erklärt, dass er und seine Freunde tagsüber in der Lehre arbeiten waren. „Wir waren ja legal“, so Jülich. Die erwachsenen „Edelweißpiraten“, entflohene KZ-Häftlinge, Deserteure, Zwangsarbeiter, seien nachts stehlen gegangen, da sie ja keine Lebensmittelmarken bekamen. „Daher ist uns nach dem Krieg der Ruf angehängt worden, wir seinen lediglich eine Gruppe Kleinkrimineller“, erklärt Jülich. Eigentlich seien sie nur eine Gruppe Arbeiterkinder gewesen, die sich treffen und ihre Lieder singen wollten. „Die Edelweißpiraten standen für ein romantisches Jugendleben“, erklärt der Soziologe Arno Klönne, der Hintergrundwissen zum Gespräch beiträgt.

„Wer will denn so was singen?“, fragt Jülich ironisch in die Runde, nachdem er kurz Texte von Liedern der Hitler-Jugend vorgestellt hatte. „Aber wer nicht für die Hitler-Jugend war und Spaß am Marschieren hatte, war automatisch dagegen“, erklärt Jülich weiter. Für eine authentische Vorführung sorgten im Cineplex sechs Mädchen des „Wandervögelbunds“ aus Bielefeld, die Lieder der damaligen Zeit mit Gitarre und Gesang aufführten.

© 2007 Neue Westfälische, Paderborner Kreiszeitung, Freitag 30. März 2007

 

 
 "Edelweißpiraten",
Filmvorfühung und Diskussion mit Jean Jülich und Arno Klönne

 
 mit Jean Jülich, Arno Klönne und dem Bielefelder Mädchenwander-
vogel

 
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