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Schock und Horror Wie
das Vertrauen in die gesetzliche Rente zerstört wird von
Albrecht Müller "Von zwei Mädchen, die
heute geboren werden, wird eines mindestens 100 Jahre." Das sagte laut Handelsblatt
Sozialminister Müntefering. Die Zeitung schreibt weiter: "Müntefering
hat sich mit Fakten und Zahlen bewaffnet. Mucksmäuschenstill ist es im Saal,
als er über steigende Lebenserwartung und sinkende Arbeitszeit spricht, die
Entwicklung des Rentnerquotienten nachzeichnet und die schrumpfende Gesellschaft
beschreibt." "Das geht nicht auf", resümiert er schließlich:
"Um das zu erkennen, muss man kein Professor sein. Da reicht Volksschule
Sauerland." Das reicht offenbar nicht, es reicht ein Blick auf die
Sterbetafel des Statistischen Bundesamtes, um zu erkennen, dass Münteferings
Zahlen nicht stimmen. Die durchschnittliche Lebenserwartung heute geborener Mädchen
liegt bei 81,5 Jahren. Aber der Vizekanzler übertreibt so maßlos, weil
er sich im Mainstream der Dramatisierer befindet - zusammen mit dem Spiegel, FAZ-Herausgeber
Schirrmacher, Professor Raffelhüschen und einem Rattenschwanz von Nachbetern.
In einer Werbebroschüre für die Rente mit 67 verwendet auch die SPD
abenteuerlich falsche Zahlen, um die Alterung als dramatisch erscheinen zu lassen.
Die Bild-Zeitung agitiert seit Monaten unentwegt mit demographischen Horrormärchen
gegen die gesetzliche Rente. Das Blatt stellt die redaktionelle Arbeit schamlos
in den Dienst des PR-Kooperationspartners Allianz AG. Und der Sozialminister benimmt
sich wie der oberste Versicherungsagent. Ich habe mich lange gefragt,
ob die Zerstörung des Vertrauens in die gesetzliche Rente, und die amtliche
Werbung für die Privatvorsorge aus Dummheit geschehen oder ob sich die privaten
Interessen inzwischen direkt in der Politik eingenistet haben. Die Zweifel, ob
es nur Unverstand ist, wachsen. Sie wachsen auch deshalb, weil wir bei Wissenschaftlern,
die sich zum Thema ähnlich wie Sozialminister Müntefering äußern
- zum Beispiel bei den Professoren Miegel, Sinn, Raffelhüschen und Rürup
- inzwischen die Interessenverknüpfung nachweisen können. Alle vier
sind als Redner beim Finanzdienstleister für Akademiker MLP unter Vertrag
und lassen mit sich auf der Homepage von MLP werben. Mehrere der in dieser Debatte
engagierten Wissenschaftler und Politiker sitzen in Aufsichts- und Verwaltungsräten
von Unternehmen der Finanzwirtschaft. Raffelhüschen bei der ERGO-Versicherungsgruppe,
Sinn bei Unicredit, der neuen italienischen Eigentümerin der HypoVereinsbank.
Es ist schon schlimm, mit welcher Dreistigkeit die Politik mit der Alterungsangst
für private Interessen wirbt und die entsprechenden Entscheidungen fällt.
Die Belastung mit versicherungsfremden Leistungen, die Subventionen für die
Riester-Rente, die Erhöhung des Renteneintrittsalters, das Einfrieren der
gesetzlichen Rente - das alles geht zu Lasten dieser Rente und zugunsten von privaten
Interessen. Noch schlimmer ist die Tatsache, dass diese Debatte unsere Aufmerksamkeit
in eine völlig falsche Richtung lenkt. Die eigentlichen Schwierigkeiten der
Rentenversicherung folgen nämlich nicht aus der Alterung, sondern der Wirtschaftspolitik.
In Deutschland leben knapp 53 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter.
Ihnen stehen etwa 15 Millionen von über 65 Jahren gegenüber. Die demographische
Relation von arbeitsfähiger Bevölkerung zu Rentnergeneration ist geradezu
glänzend. Erst 2025, wenn die geburtenstarken Jahrgänge der sechziger
Jahre ins Rentenalter kommen, beginnt ein stärkerer Alterungsprozess. Unser
Hauptproblem heute und auf absehbare Zeit ist, dass von den knapp 53 Millionen
Erwerbsfähigen nur noch etwa 26 Millionen sozialversicherungspflichtig beschäftigt
und über fünf Millionen arbeitslos sind. Dieser Mangel an Beschäftigung
ist die Folge einer nunmehr über 25 Jahre währenden miserablen Wirtschaftspolitik.
Besonders gravierend ist der Niedergang seit 1992. Die durchschnittliche Wachstumsrate
unserer Volkswirtschaft zwischen 1993 und 2005 liegt bei 1,2 Prozent und damit
weit unterhalb des Wertes vergleichbarer Länder. Als Ursache für
die hohe Arbeitslosigkeit wird uns normalerweise angedient, wir litten unter Reformstau
und Blockade, unter zu hohen Löhnen und zu hohen Lohnnebenkosten. Nun stagnieren
die Löhne seit über zehn Jahren, sinken die Lohnstückkosten, wird
andauernd reformiert, sind die Reformen reihenweise gescheitert. Könnte es
sein, dass wir nicht unter einem Reformstau, sondern unter dem Mittelmaß
unserer Eliten leiden? Könnte es sein, dass die führenden Kräfte
in Deutschland unfähig sind zu einer ähnlich pragmatischen Wirtschaftspolitik
wie in Schweden, Großbritannien und in den USA? Unsere Eliten haben keine
Ahnung von Makropolitik. Sie sind nicht fähig, pragmatisch zu prüfen,
was die jeweils optimale Kombination aus Instrumenten der so genannten Angebotsökonomie
und der nachfrageorientierten keynesianischen Strategie sein könnte.
Die große Koalition hätte die Chance gehabt, mindestens für
eine Legislaturperiode eine expansive Wirtschaftspolitik zu betreiben, um mit
Wachstumsraten von jährlich um die vier Prozent das tiefe Tal zu verlassen,
in dem wir uns seit gut zwei Jahrzehnten befinden. Statt dessen will man für
2006 nur bescheidene 1,4 Prozent Wachstum erreichen und wird 2007 dank einer um
drei Prozent erhöhten Mehrwertsteuer diese unzureichende Belebung gleich
wieder abwürgen. Das ist so bar jeden makroökonomischen Verstandes,
dass es einem die Sprache verschlägt. Statt mit einer vernünftigen Makropolitik
endlich Arbeit zu schaffen und damit auch die Renten auf eine bessere Basis zu
stellen, beschäftigt sich der zuständige Minister für Arbeit wochenlang
mit der Frage, ob ab 2012 das Renteneintrittsalter hochgesetzt werden muss. Dabei
kann man doch jetzt schon sagen: Wird die Makropolitik weiter so laienhaft betrieben,
gibt es auch 2012 noch so viele Arbeitslose, dass die Erhöhung des Renteneintrittsalters
als das erscheint, was es ist: lächerlich.
 © Freitag 2006
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| | Artikel
in FREITAG vom 17.03.2006 | |
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| | Neuerscheinung:
Albrecht Müller:
»Machtwahn.« Wie eine mittelmäßige Führungselite uns
zugrunde richtet. 365 S., 19,90 Eur. | |
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