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Argumente
- vom 07.01.2009:
»Wir müssen den Rechten den Freiheitsbegriff
wegnehmen«
Gespräch mit Jan Rehmann*. Über Anforderungen an
eine marxistische Ideologietheorie, die Notwendigkeit von
Staatskritik und die Auseinandersetzung mit dem Neoliberalismus
Interview: Thomas Wagner (jungeWelt)
Ihre vor einigen Monaten veröffentlichte »Einführung
in die Ideologietheorie« aktualisiert einen Ansatz,
der in der BRD von einer Gruppe um den marxistischen Philosophen
Wolfgang Fritz Haug begründet wurde. Womit haben wir
es da zu tun?
Das Projekt Ideologietheorie, auf das Sie sich hier beziehen,
war Teil einer marxistischen Erneuerung in der Ideologieforschung,
wie sie sich z.B. in Frankreich mit dem Philosophen Louis
Althusser (19181990) oder in England mit dem Soziologen
Stuart Hall herausbildete. Die verschiedenen Richtungen stimmten
darin überein, das Ideologische nicht mehr primär
als Bewußtseinsphänomen aufzufassen, sondern als
materielle Apparatur, die in und über der Gesellschaft
den Konsens herstellt, der die Beherrschten an die Herrschaft
bindet. Die zentrale Frage der Ideologietheorie lautet: Warum
ist eine bürgerliche Gesellschaft, die so viel Entfremdung
und Verelendung verursacht, so effektiv darin, die Zustimmung
der Ausgebeuteten für die Herrschaft zu gewinnen? Zu
untersuchen sind wirkliche Hegemonieapparate, Institutionen
mit unterschiedlichen Ideologien, materiellen Praxen und Ritualen,
die auch aufs Unbewußte einwirken und daher mit einer
Kritik »falschen Bewußtseins« nicht erfaßt
werden können. Deshalb grenzt sich die Ideologietheorie
sowohl von bloßer Bewußtseinskritik als auch von
einer Widerspiegelungskonzeption ab, in denen das Ideologische
auf den Ausdruck ökonomischer Interessen verkürzt
wird. Sie fragt weniger danach, ob Ideologien »wahr«
oder »falsch« sind, sondern wie sie wirken, um
Herrschaft zu stabilisieren. Traditionelle Ideologiebegriffe,
die nicht in der Lage sind, die eigene Materialität und
Funktionsweise des Ideologischen zu analysieren, sind noch
gar nicht auf sozialwissenschaftlichem Niveau angekommen.
Jede Befreiungsbewegung, die die Mechanismen der freiwilligen
Unterordnung, der Integration und Kooptation nicht gründlich
studiert, läuft Gefahr, in alle möglichen Fallen
zu laufen.
Welche denn?
Sie haben mit der verhängnisvollen Spaltung der linken
Bewegungen und Parteien in ein verbalradikales Sektierertum
einerseits und einen kooptierten Reformismus andererseits
zu tun. Die erste Falle ist eine abstrakte Ideologiekritik,
die die ideologischen Felder wie Religion, Moral, Recht frontal
von außen angreift, statt in sie einzugreifen. Dadurch
verliert sie den Kontakt zur Bevölkerung und isoliert
sich. Die zweite Falle besteht darin, daß man seine
Forderungen in den herrschenden Diskursen ausdrückt und
sich dabei an die hegemonialen Ideologien anpaßt. Das
ist dann die Schleimspur, auf der man ausrutscht. Um diese
Fallen zu vermeiden, braucht man eine kritische Ideologietheorie,
die in der Lage ist, das Ensemble der ideologischen Normen
und Werte so zu analysieren, daß man die Bruchstellen
findet, an denen man effektiv intervenieren kann. Man kann
eine solche Intervention als »interruptiven Diskurs«
bezeichnen.
Ich habe in meiner Einführung die verschiedenen Ideologietheorien
z.B. auf die ideologische Wirksamkeit des Neoliberalismus
angewendet. Der Neoliberalismus hat den fordistischen Sozialstaat
ausgehebelt, größere Teile der Arbeiterklasse in
ein Prekariat verwandelt und bei den Verarmten einen Massenfatalismus
erzeugt, den der französische Soziologe Pierre Bourdieu
(19302002) als »Schicksalseffekt« beschrieben
hat. Gleichzeitig appellieren die neoliberalen Ideologen an
die Menschen, sie sollten kreativ und motiviert sein, nicht
auf Anordnungen von oben warten, sondern ihre Angelegenheiten
selbst in die Hände nehmen, sich für den Markt fit
machen. Das sind Appelle an die »Selbstführung«
der Menschen, aber in entfremdeter Form, denn sie werden als
einzelne, als Privategoisten angerufen und müssen sich
strikt der Marktordnung unterstellen. Der Neoliberalismus
appelliert in gewisser Weise an linke Utopien der Selbstverwaltung
und holt sie ins Diesseits, und zwar genau dort, »wo
es uns an den Kragen geht«, wie die Philosophin und
Soziologin Frigga Haug treffend formuliert hat. Die Linke
müßte deshalb eine Strategie entwickeln, mit deren
Hilfe die wirksamen Aktivierungspotentiale wieder herausgebrochen,
mit sozialer Gerechtigkeit und Solidarität verknüpft
und gegen den Neoliberalismus gewendet werden können.
Dabei darf man sich nicht elitär über den Alltagsverstand
hinwegsetzen, den der italienische Marxist Antonio Gramsci
(18911937) einst als ein sozial heterogenes und widersprüchlich
zusammengesetztes Sammelsurium analysiert hat. Den »organischen
Intellektuellen« der sozialistischen Bewegung stellte
er die Aufgabe, an der Kohärenz dieses Alltagsverstandes
zu arbeiten und sich dabei mit seinen erfahrungsoffenen und
experimentierfreudigen Dimensionen zu verbünden, die
er als »gesunden Menschenverstand« bezeichnet.
Es geht also gerade nicht darum, den Menschen von außen
eine »objektive Wahrheit« zu verkünden, sondern
in und mit den jeweiligen Widersprüchen des Alltagsverstands
zu arbeiten, um das Gewicht der Ideologie zurückzudrängen
und die Potentiale solidarischer Handlungsfähigkeit zu
fördern. In diesem Sinn verstehe ich praktisch eingreifende
Ideologiekritik. Im Grunde braucht z. B. die Linkspartei eine
Hegemoniekommission, die die ideologischen Kräfteverhältnisse
in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen analysiert
und die möglichen Bruchstellen der neoliberalen Hegemonie
auskundschaftet.
Oskar Lafontaine hat die rechte Formel »Freiheit
statt Sozialismus« umgedreht und daraus gemacht: »Freiheit
durch Sozialismus«. Wäre das eine praktisch eingreifende
Ideologiekritik in Ihrem Sinne?
Ja durchaus. Und das ist auch kein rhetorischer oder demagogischer
Trick. Man braucht nur das Buch des österreichischen
Ökonomen Friedrich August von Hayek (18991992)
»Verfassung der Freiheit« zu lesen, um zu sehen,
daß der neoliberale Freiheitsbegriff im Grunde auf das
Gegenteil von Freiheit hinausläuft, nämlich auf
die gehorsame Unterstellung unter das »Gesetz«
des Marktes. Hayek besteht ja darauf, daß Freiheit nichts
mit politischer Freiheit, ökonomischer Absicherung oder
effektiver Handlungsmacht zu tun hat. Sie kann bei ihm nur
»negativ« bestimmt werden, als Abwesenheit von
unmittelbarem persönlichen Zwang. Ob die Leute etwas
zu essen und ein Dach über dem Kopf haben, spielt dabei
keine Rolle. Hier sieht man, wie selbstzerstörerisch
es ist, wenn eine abstrakte Ideologiekritik den Freiheitsbegriff
insgesamt zurückweist und damit den Rechten überläßt.
Oder wenn die Linke die alten Entgegensetzungen Kollektiv
gegen Individuum, soziale Rechte gegen individuelle Freiheitsrechte
wiederauflegt. Das sind die Fallen, die von den Rechten immer
wieder gestellt werden. Wir müssen ihnen den Freiheitsbegriff
wegnehmen und ihn wieder mit Sozialismus verbinden.
Welchen Inhalt könnte so ein linker Freiheitsbegriff
denn haben?
Marx und Engels haben den Freiheitsbegriff ja keineswegs
preisgegeben, sondern offensiv mit einer herrschaftsfreien
»Assoziation« verbunden, in der »die freie
Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung
aller ist«. Das geht sogar noch weiter als die Formel
»Freiheit durch Sozialismus«. Nicht nur ist persönliche
Freiheit nur innerhalb eines Gemeinwesens möglich, sondern
ein solches Gemeinwesen muß auch selbst auf der freien
Entwicklung eines jeden basieren. Baruch Spinoza (16321677)
hat den wichtigen Begriff der »potentia agendi«
geprägt, den er als kooperative Handlungsfähigkeit
versteht. Mit ihm ist es möglich, die Freiheit wieder
mit gesellschaftlicher Kooperation und ihrer demokratischen
Gestaltung zu verbinden. Die Linke braucht einen handlungsorientierten
Freiheitsbegriff, der die Verschränkung sozialer und
invidueller Menschenrechte in den Mittelpunkt stellt.
Der Neoliberalismus gibt sich staatskritisch, die Ideologietheorie
auch. Worin aber unterscheidet sich Ihre Staatskritik?
Wie die Freiheit gehört auch die Staatskritik zu den
Lebenslügen des Neoliberalismus. Wenn er den Staat kritisiert,
zielt er auf den Sozialstaat und auf die Bereiche, in denen
es im Fordismus gelungen war, Klassenkompromisse durchzusetzen.
Der Militärapparat, der Gefängniskomplex, die Polizei,
die ja auch zum Staat gehören, sind vom ihm nie reduziert,
sondern im Gegenteil ausgebaut worden. Insgesamt bedeutet
Neoliberalismus nicht Abbau, sondern Umbau des Staates, und
zwar in einem antidemokratischen und autoritären Sinn.
Wir dürfen nicht vergessen, daß der reale Neoliberalismus
ab 1973 in Chile unter General Pinochet, also einer blutigen
Militärdiktatur durchgesetzt wurde.
Bei der Ideologietheorie ist es genau umgekehrt. Sie ist ja
nicht staatskritisch in dem platten Sinne, daß alles
schlecht ist, was im und durch den Staat geschieht. Friedrich
Engels bezeichnet den Staat als »erste ideologische
Macht« über der Gesellschaft. Ihm zufolge sind
bei der Herausbildung der Klassengesellschaft die Gegensätze
so stark geworden, daß sie nicht mehr horizontal bewältigt
werden konnten, und deswegen erhebt sich eine Macht über
der Gesellschaft, die sie von oben reguliert. Dadurch laufen
die Kämpfe zwischen Klassen in »ideologischen Formen«
ab, zu denen er auch die Politik rechnet. Der Staat ist eng
verbunden mit den führenden Fraktionen der herrschenden
Klasse, muß aber in der Regel auch Kompromisse mit den
subalternen Klassen eingehen, um den ganzen Laden zusammenzuhalten.
Deshalb enthalten die ideologischen Werte in verschobener
und entfremdeter Form auch einen Gemeinwesenbezug, in dem
sich die Unteren wiedererkennen können. An ihn muß
die Linke anknüpfen, ihn muß sie herauslösen
und wieder aneignen.
Marx hatte die Vorstellung, daß der Staat perspektivisch
absterben werde. Was halten Sie von der Forderung, das als
unrealistisch aus der Befreiungstheorie zu verbannen?
Ich verstehe den Vorschlag zunächst als Antwort auf die
Illusion, der Staat werde nach der kommunistischen Eroberung
der Staatsmacht bald überflüssig. Während man
sein Absterben beschwor, errichtete man eine stalinistische
Diktatur. Marx und Engels haben leider nicht viel dazu gesagt,
wie man den Staat demokratisch-sozialistisch transformieren
kann. Ich halte die Kritik an unmittelbarkeitskommunistischen
Konzepten für berechtigt, weil diese im Grunde von der
komplizierten Aufgabe einer zivilgesellschaftlichen Demokratisierung
des Staats ablenken. Dennoch finde ich die theoretische Schlußfolgerung
nicht überzeugend. Die entsprechenden Überlegungen
von Marx und Engels meinten mit »Staat« seine
Herrschaftsförmigkeit, die Fremdvergesellschaftung, die
Regulation der Gesellschaft von oben, nicht aber komplexe
Verwaltungen oder ein Rechtssystem oder ein Schulwesen an
sich. »Absterben des Staates« bedeutet die Perspektive,
die Verwaltungs- und Steuerungsaufgaben in eine vielgegliederte
Zivilgesellschaft zurückzunehmen, und das kann man sich
mit Hilfe von Computertechnologien grundsätzlich auch
in komplexen postmodernen Gesellschaften vorstellen. Nach
Strategien eines demokratischen Umbaus des Staates in der
Perspektive seines Abbaus zu suchen, halte ich nach wie vor
für eine wichtige Aufgabe. Und was soll der Ausdruck
»unrealistisch« eigentlich in einer kritischen
Gesellschaftstheorie aussagen? Hier formuliert man ja keine
kurzfristig realisierbaren Programmziele, sondern es geht
auch um die Frage, was heuristisch, erkenntnismäßig
fruchtbar ist. Wenn man nicht versucht, Kategorien zu
bilden, die Klassenlosigkeit und Herrschaftsfreiheit erfassen
können, wird man auch in der Sozialanalyse empiristisch
flach, untheoretisch und letztlich unkritisch arbeiten. Das
betrifft auch die Ideologietheorie, die ohne eine ideologiekritische
Perspektive schnell zum Funktionalismus erstarrt. So hat z.B.
Althusser den Ideologiebegriff so weit totalisiert, daß
Widerstand gegen ideologische Anrufungen nicht mehr gedacht
werden kann. Im Unterschied dazu hat das Projekt Ideologietheorie
der ideologischen Vergesellschaftung von oben den Begriff
einer Selbstvergesellschaftung von unten entgegengesetzt.
Dies macht es möglich, daß man in der empirischen
Realität verschiedene Dimensionen analytisch auseinandernehmen
kann.
Wenn Leute etwas solidarisch zusammen tun, ein Fest organisieren,
sich bei der Kinderaufsicht entlasten, ein sinnvolles Projekt
gemeinsam voranbringen da sagen manche Linke: Dadurch
wird doch in Wirklichkeit nichts geändert, sondern eher
noch das herrschende System gestützt.
Eine solche Ideologiekritik spricht ein wirkliches Problem
an, vereinseitigt es aber. Da ist eine dialektische Widerspruchsanalyse
nötig. Grundsätzlich sehe ich keinen anderen Anknüpfungspunkt
für linke Politik als die Selbstvergesellschaftung der
Menschen. Ihre konkreten Erfahrungen bei der gemeinsamen Organisation
des Lebens, z. B. beim Ausbalancieren von Lohnarbeit, Kindererziehung
und gesellschaftlichem Engagement sind der Lebensstoff für
alternative Entwürfe eines solidarischen Zusammenlebens.
Passives Jammern und Ressentiment sind als Grundlage sozialistischer
Politik unzureichend. Aber natürlich ist das zu allgemein
formuliert. Wenn solche Selbstverwaltungsaktivitäten
nur in bestimmten Milieus stattfinden und keine Perspektiven
fürs Ganze entwickeln, werden sie leicht partikularistisch
und funktionieren als Bestandteil neoliberaler Politik. Dann
wird eben in guten Wohngegenden darauf geachtet, daß
die Schulen und Spielplätze drogenfrei und sauber bleiben,
aber niemand interessiert sich dafür, daß die verarmte
Wohngegend nebenan vor die Hunde geht. Oder die Armen werden
ermahnt, sie sollen ihr runtergekommenes Stadtviertel in Selbstverwaltung
in Ordnung bringen, statt vom Staat eine anständige finanzielle
Ausstattung zu fordern. Die politische Kunst besteht also
darin, sich in Selbstverwaltungsaktivitäten zu verankern
und zugleich daran zu arbeiten, die Tendenzen zum Partikularismus
zu überwinden. Überall wo Menschen zusammenkommen
und ihr Zusammensein regeln, sind sie potentiell auch politisierbar.
Linke Politik muß da intervenieren und versuchen, die
übergreifenden Zusammenhänge herzustellen, ohne
die lokalen abzuwerten.
Übrigens zieht sich dieser Widerspruch auch quer durch
die verschiedensten sozialistischen und anarchistischen Bewegungen.
Immer wieder konzentrierte sich ein Teil darauf, im Hier und
Jetzt alternative Lebensformen zu entwickeln, Genossenschaften,
Kommunen, alternative Landwirtschaft zu gründen, am ausgeprägtesten
vielleicht im israelischen Kibbuz, und immer wieder stellte
sich das Problem, daß solche Projekte von gesamtgesellschaftlicher
Politik abgeschnitten waren. Ein anderer Teil orientierte
jeweils auf die Transformation der Makrostrukturen, sei es
kommunistisch als Eroberung der Staatsmacht oder sozialdemokratisch
als Reformversuch, und von dieser Warte wertete man dann die
konkreten Alternativprojekte als utopisch, unpolitisch, kooptiert
oder sektiererisch ab. Beide Seiten haben sich gegeneinander
vereinseitigt. Dabei brauchen sie sich gegenseitig, um eine
Bewegung hervorzubringen, die sowohl eine lebensweltliche
Basis in Alternativprojekten hat als auch die Transformation
des Gesamtsystems vorantreibt. Soweit ich sehe, ist die brasilianische
Landlosenbewegung des MST in dieser Verknüpfung am weitesten
fortgeschritten.
Ich habe zuweilen den Eindruck, daß den Neonazis
so etwas heute besser gelingt als den Linken. Sie greifen
soziale Momente auf und versuchen, dadurch Akzeptanz zu gewinnen.
Macht sich die Linke in dieser Hinsicht zu wenig Gedanken?
Es gibt ja einige gute Studien zum Antikapitalismus von rechts,
wie z. B. von Christina Kaindl in dem Sammelband der Rosa-Luxemburg-Stiftung
»Neoliberalismus und Rechtsextremismus in Europa«.
Ich würde allen Antifa-Aktivisten raten, sich die frühen
Analysen von Ernst Bloch (18851977) in »Erbschaft
dieser Zeit« aus dem Jahr 1935 anzuschauen. Er erklärt
die erschreckenden Erfolge der Nazis u. a. mit ihren geschickten
»Entwendungen aus der Kommune«: »So ziehen
doch die Faschisten den Proletariern, die sie töten,
den Schmuck ab und tragen ihn auf der Kehrseite.« Nicht
nur der Eigenname »Nationalsozialismus« und die
rote Fahne mit dem Hakenkreuz, sondern z. B. auch das »Tausendjährige
Reich«, das aus den Ketzerbewegungen des Mittelalters
stammt, die Mobilisierung »ungleichzeitiger« Widersprüche
und vieles mehr. Als sozialistische Gegenstrategie schlägt
er vor, die zur Verwandlung fähigen Elemente herauszulösen
und »zur Funktion in anderem Zusammenhang umzumontieren«.
Auch zur Entwicklung einer solchen wirksam eingreifenden Ideologiekritik
wird so etwas wie eine Hegemoniekommission benötigt,
die die Attraktivität und die möglichen Bruchpunkte
der neo-nazistischen Ideologie untersucht.
Es
hat sozialistische Staaten gegeben und gibt auch noch einige.
Nehmen wir einmal an, es würde in absehbarer Zeit wieder
neue sozialistische Staaten geben: Würde sich Ideologietheorie
in deren Rahmen erübrigt haben oder hätte sie dort
eine Funktion?
Die sozialistischen Staaten des sogenannten Ostblocks sind
nicht zuletzt an ihrer mangelnden Hegemoniefähigkeit
gescheitert. Sicherlich hing das wesentlich mit der ungünstigen
ökonomischen Systemkonkurrenz zusammen. Zugleich lag
es daran, daß es in diesem staatsmonopolistischen Modell
keine Zivilgesellschaft gab, in der sich eine sozialistische
Hegemonie konsensuell, ohne zentrale Kontrolle und Überwachung
herausbilden konnte. Am Schluß glaubten die Menschen
der Propaganda auch dann nicht mehr, wenn sie die Wahrheit
sagte. Das ist der gegenhegemoniale Effekt einer unmittelbaren
staatlich-politischen Kolonisierung der Zivilgesellschaft.
Hätte es eine freie ideologietheoretische Forschung ohne
politische Gängelung gegeben, hätte man dies vielleicht
rechtzeitig erkennen und korrigieren können. Ein neuer
Sozialismus ist demokratisch und zivilgesellschaftlich, oder
es wird ihn nicht geben.
©
2009 jungeWelt, 03.01.2009

 
*Jan Rehmann (geb. 1953) unterrichtet Gesellschaftstheorie
und Fremdsprachen in New York und Philosophie an der FU Berlin.
Er ist Redakteur der Zeitschrift Das Argument sowie des Historisch-Kritischen-Wörterbuchs
des Marxismus (HKWM).
Bücher von Jan Rehmann:
- Einführung
in die Ideologietheorie. Hamburg 2008, 246 Seiten, 16.90
Euro
- Postmoderner
Links-Nietzscheanismus. Deleuze & Foucault. Eine Dekonstruktion,
Hamburg 2004,400 Seiten, 16,50
- Die
Kirchen im NS-Staat. Untersuchung zur Interaktion ideologischer
Mächte. Hamburg 2002, 157 Seiten
- Max
Weber: Modernisierung als passive Revolution. Hamburg 1998,
358 Seiten, 19,80 Euro

 
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