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Argumente:
"Korrekturen reichen nicht"
Friedhelm Hengsbach über Gerechtigkeit
Die Versicherungsbeiträge werden gesenkt,
der Mindestlohn kommt, das Arbeitslosengeld wird verlängert
und die Wirtschaft boomt - gehen wir einem guten Jahr entgegen?
Nein, es werden nur überfällige Korrekturen an der
Agenda 2010 vollzogen und das lediglich unter der Überschrift:
Wir revidieren nicht, sondern perfektionieren die Agenda.
Es reicht Ihnen also nicht?
Nein. Es beunruhigt mich, dass nun nur wegen der öffentlichen
Erregung schnell etwas getan wird. Die große Koalition
will damit signalisieren: Wir behalten die Dinge im Griff.
Aber es wird doch endlich auch die Frage nach Gerechtigkeit
und Verteilung gestellt.
Ja, aber das Regelsystem wird nicht hinterfragt. Armen,
Arbeitslosen und prekär Beschäftigten wird unterstellt,
dass sie sich selbst in diese misslichen Lagen gebracht haben.
Gleichzeitig empören die hohen Managergehälter
viele Menschen.
Das ist nur die andere Seite derselben Münze: die
gierigen Manager. Die strukturelle Dominanz der Finanzmärkte
über die reale Wirtschaft wird nicht gebrochen.
Wie können diese Verwerfungen stärker in
den Mittelpunkt gerückt werden?
Es gibt dabei zwei Stellgrößen. Die eine ist
die Wiederherstellung der Tarifautonomie. Die Debatte um den
Mindestlohn zeigt doch nur, dass die Tarifautonomie in den
vergangenen Jahren systematisch ausgehöhlt worden ist.
Sie unterstützen die Arbeitnehmer in ihren kräftigen
Forderungen nach mehr Lohn?
Ja. Die öffentliche Meinung und die Bundesregierung
müssen darauf hinwirken, dass die Arbeitnehmer mit den
Arbeitgebern auf gleicher Augenhöhe verhandeln. Das war
in den vergangenen Jahren nicht mehr der Fall, unter anderem
weil etliche konservative Politiker darauf gedrängt haben,
die Tarifauseinandersetzungen auf die betriebliche Ebene zu
verlagern. Und die Macht der Unternehmer ist dermaßen
gewachsen, dass eine gerechte Verteilung der unternehmerischen
Wertschöpfung nicht mehr möglich war.
Was ist die zweite Stellschraube für mehr Gerechtigkeit?
Das sind die Unternehmen. Es ist ein entscheidender Unterschied,
ob sie nur als Vermögensmasse der Aktionäre definiert
werden oder ob die Manager beauftragt sind, einen gerechten
Ausgleich zwischen Aktionären, Kunden, Belegschaften
und sich selbst herzustellen.
Wer muss handeln?
Die Bundesregierung muss in Zusammenarbeit mit ihren europäischen
Partnern die Aufsicht und Kontrolle der Finanzmärkte
wiedergewinnen. Gute Ideen liegen auf dem Tisch. Außerdem
muss die Rolle öffentlicher Banken und Sparkassen klar
definiert werden. In der Vergangenheit wurden die öffentlichen
Aufgaben vernachlässigt, weil in Politik und Wirtschaft
die irrige Idee herrschte, die private Wirtschaft werde schon
alles richten. Die Förderung öffentlicher Aufgaben
schafft zusätzliche Arbeitsplätze und volkswirtschaftliches
Vermögen.
Interview: Katharina Sperber

 
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Frankfurter Rundschau v. 29.12.2007
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