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Argumente:
"Die Linke"
- Eine ganz normale Partei?
von
Arno Klönne
"Es läuft ja doch alles" - so der Tenor
vieler Aktivisten der neuen linken Partei. Sie sind ein bisschen erleichtert,
weil sie mehr Streit beim Zusammenschluss von PDS und WASG erwartet hatten, auch
mehr Gegenwind bei den Massenmedien. Nun ist der Start geschafft, alle Landesverbände
im Westen sind gegründet, und die Werte in der Wählergunst nehmen sich
ganz ordentlich aus. In NRW hat die SPD- Landeschefin der linken Konkurrenz bereits
ein kaum verdecktes Koalitionsangebot gemacht. Der DGB- Vorsitzende in NRW riet
der Linkspartei beim NRW-Gründungsparteitag, pragmatisch wie er ist, sich
aufs Mitregieren auszurichten, was nur mit seiner Partei, der SPD, eine realistische
Perspektive sei.
Die Linke nennt sich die neue Partei, und Gregor Gysi
freut sich, weil dieser Name "schön frech" sei. Aber Spaß
beiseite will die Partei eine Alleinvertretung der vielgestaltigen linken
politischen Kultur in der BRD für sich beanspruchen? Das denn doch wohl nicht,
und insofern ist ihr Name ziemlich irreführend. Außerdem legt er das
Missverständnis nahe, mit der Existenz und Betätigung einer Partei sei
schon ein gesellschaftlicher Faktor etabliert, der die Kräfteverhältnisse
in Deutschland nach links hin verändere.
Die Formierung einer Linkspartei
war unter den derzeit gegebenen politischen Bedingungen notwendig. Man kann das
einen "historischen Schritt" nennen, einen, der vorwärts führt.
Allerdings ist die Geschichte keine Einbahnstraße. Parteien können
die Richtung wechseln, manchmal auf eine Weise, die zunächst kaum auffällt.
Und sie können auf der Stelle treten oder sich ins Abseits begeben. Die SPD
hat einen solchen Richtungswechsel über einen langen Zeitraum vollführt,
die Partei der Grünen hat ihre Ziele in ein paar Jahren vertauscht. Solche
Umorientierungen von Parteien verändern nicht nur das politische Spektrum,
sie enttäuschen auch Menschen, bringen Resignation hervor, legen politische
Energie lahm. Deshalb ist es wichtig, sich rechtzeitig über innerparteiliche
Strukturen, über Prozesse der Willensbildung in einer Partei kritische Gedanken
zu machen und darüber offen zu reden. Die weit verbreitete Meinung, bei parteipolitischer
Aktivität dürfe "dem eigenen Nest nicht am Zeuge geflickt werden",
ist demokratieschädlich.
Der Linkspartei kommt zugute, dass eine Mehrheit
der Bürgerinnen und Bürger der BRD der Demontage des Sozialen, wie sie
mit verteilten Rollen von SPD/CDU/CSU/FDP und Grünen betrieben wurde und
weiter angestrebt wird, misstrauisch und ablehnend gegenübersteht. Das Auftreten
der Linkspartei hat dazu geführt, dass die etablierten Parteien einige symbolische
Zugeständnisse nach links machen und unter Umständen soziale Häppchen
verteilen. Das gehört zum normalen politischen Geschäft.
Gut
so, wenn dadurch ein paar soziale Grausamkeiten vermieden werden. Aber es wäre
töricht, wenn die Linkspartei nun darauf hoffte, dass SPD und Grüne,
womöglich sogar CDU/CSU, von der neuen Konkurrenz beeindruckt, zu einem gesellschaftspolitischen
Erweckungserlebnis kämen. Eine solche Fehleinschätzung mag allerdings
- selbstlegitimierend - naheliegen, wenn im Profipersonal der Linkspartei die
Neigung stärker wird, sich an Regierungen in Bundesländern zu beteiligen
und längerfristig auf die Rolle eines Juniorpartners beim Regieren im Bund
vorzubereiten.
Selbstverständlich gibt es Situationen, in denen eine
oppositionelle Partei im Hinblick auf die herrschenden Parteien überlegen
muss, wie sie dem kleineren Übel gegenüber dem größeren zum
Vorteil verhelfen kann. Aber gesellschaftliche Opposition verliert ihren Charakter,
wenn sie bei solchen Gelegenheiten sich selbst weismacht, das kleinere sei überhaupt
kein Übel.
Auch in manchen linksparteilichen Köpfen hat sich
die Legende eingenistet, Politik könne nur nur durch "Mitverantwortung
und Mitgestaltung" effektvoll betrieben werden, d.h. durch Mitregieren. Wer
so denkt, hat keine Ahnung vom historischen Vorgang der Demokratisierung und versteht
wenig von politischen Entscheidungsprozessen heute. Ohne entschiedene Opposition
ist ein demokratisches Staatswesen nur eine Hülle ohne Substanz. Opposition
wiederum wird kraftlos, wenn sie möglichst rasch in ministeriellen Würden
"ankommen" will.
Immer weniger Bürgerinnen und Bürger
trauen den Methoden, mit denen heute Politik gemacht wird, noch über den
Weg, und für diese Abneigung haben sie triftige Gründe. Macht die Linkspartei
das zu ihrem Thema? Versucht sie, die Regeln des "heimlichen Lehrplans"
der Entdemokratisierung zu durchbrechen? Unternimmt sie in ihrer Praxis etwas,
um mit den "Wahlverweigerern" und "Politikverdrossenen" in
Kommunikation zu kommen?
Als "Partei für Demokratisierung"
kann die Linkspartei nur auftreten und wirksam werden, wenn sie sich in ihrem
eigenen Alltag von den "Kartell"-Parteien ganz deutlich abhebt. Das
betrifft insbesondere den Umgang mit außerparlamentarischen Bewegungen,
Basisinitiativen, lokalen politischen und sozialen Bündnissen. Die Linkspartei
muss sich mit diesen vernetzen, ohne sie zu instrumentalisieren. Die Organisationsinteressen
der Partei dürfen den vielfältigen Aktivitäten außerhalb
des Parteirahmens nicht den Atem wegnehmen.
Kurzum: als ganz normale Partei
hätte Die Linke eine Zukunft, die die Grünen schon erreicht haben, nämlich
die einer Dienstleistungsfirma für den Koalitionsbedarf beim Parteienkartell.
Und die SPD wird nicht dadurch wieder sozialdemokratisch, dass eine Linkspartei
ihr grummelnd unter die Arme greift.
SoZ 11/November 2007 | |