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Argumente:
"Nazis raus..."
...aus
Paderborn (oder Bielefeld, oder Gütersloh, oder Minden etc.) - mit dieser
demonstrativen Aufforderung wandten sich in den vergangenen Monaten auch in OWL
viele Bürgerinnen und Bürger gegen die Auftritte neonazistischer oder
(der Begriff trifft wohl besser das breitere Spektrum dieser Zeitgenossen) neofaschistischer
Gruppen. Das ist gut so, aber es läßt Fragen offen: Reicht es hin,
wenn man die braun eingefärbten "nationalen Offensiven" aus der
eigenen Stadt heraushält? Und geht es nur um diejenigen, die ihre politische
Farbe offen tragen? Mit welchem politischen Potenzial haben wir es da überhaupt
zu tun?
Neofaschistische
Organisationen und Szenen in der Bundesrepublik heute können nicht nur auf
Überlieferungen aus der Zeit des "Faschismus an der Macht" und
der faschistischen Bewegungen vor 1933 zurückgreifen, sondern auch auf ideologische,
publizistische und personelle Ressourcen aus der Geschichte der Alt-Bundesrepublik.
Im Vergleich zu neofaschistischen Tendenzen und Gruppierungen in Westdeutschland
zwischen 1945 und den 1980er Jahren sind jedoch schwerwiegende Neuentwicklungen
erkennbar, so vor allem:
- Neofaschistische
Einflüsse in einer als zeitgemäß erscheinenden Jugendkultur sind
erheblich stärker geworden, der Neofaschismus ist alles andere als nur ein
"NS-Veteranen"-Phänomen;
- neofaschistische
Gruppierungen in der Bundesrepublik können sich auf ähnliche Politikrichtungen
in anderen europäischen Ländern (auch osteuropäischen) sehr viel
dichter beziehen;
- der
Neofaschismus kann sich als "Antwort" auf eine weithin bedrängende
gesellschaftliche Frage anbieten, nämlich die sozial zerstörerischen
Folgen kapitalistischer Globalisierung. Neofaschistische Weltbilder oder Komponenten
derselben haben dadurch in neuer Weise "Aktualitätsantrieb".
Bei
der Einschätzung des gegenwärtigen neofaschistischen Potenzials wäre
es kurzsichtig, den Blick auf spektakuläre Politikformen zu fixieren; verkürzend
wäre es auch, den Neofaschismus nur "wahlkonjunkturell" zu betrachten.
Zu prüfen ist vielmehr, in welchen Zusammenhängen und mit welchen Trends
sich die Bereitschaft herausbildet und ausweitet, neofaschistische Deutungen der
gesellschaftlichen Probleme zu übernehmen und zu verinnerlichen, sich also
in eine neofaschistische politische Kultur teilweise oder ganz zu integrieren.
Diese Bereitschaft ist nicht allein an "Krawall-Akzeptanz" zu messen.
Der
Neofaschismus heute verfügt über mentale oder direkt politische Anschlussfähigkeiten
im Hinblick auf Weltbilder und Politikmuster, die überhaupt nicht als "rechtsextrem"
gelten und an Einfluß gewonnen haben, so etwa: Die neue Legitimierung weltweiter
militärischer Zugriffe als Methode von "Interessenvertretung des Standorts";
die sozialdarwinistische (ökonomisch begründete) Alltagsphilosophie
vom "Recht des Stärkeren".
In
vielen seiner Partikel ist das neofaschistische Gesellschaftsbild alles andere
als "randständig". Die Schlussfolgerung: Es ist Gegenwehr notwendig,
wenn Neofaschisten "die Straße" für sich "erobern"
wollen. Aber ebenso notwendig ist die Auseinandersetzung um die "Köpfe"
- um die oft gar nicht so auffälligen Anfälligkeiten für faschistische
Ideen in der gesellschaftlichen Normalität.
Arno
Klönne | |