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Argumente:
Ausbeutung
und Prekarisierung
von
Werner Seppmann
Kurt
Becks Umgang mit der sich beschleunigenden sozialen Katastrophe (»Unterschichtendebatte«)
war eine propagandistische Meisterleistung. Weil es kaum mehr möglich ist,
über die immer krassere soziale Ungleichheit und die sich verfestigende soziale
Randständigkeit schweigend hinwegzugehen, ergriff der SPD-Vorsitzende die
Gelegenheit, die sich mit der Kategorie »Abgehängtes Prekariat«
in einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung über die soziale und politische
Selbsteinschätzung der bundesrepublikanischen Bevölkerung bot: Konsequent
lenkte er die Aufmerksamkeit auf ein Teilproblem, um die ganze Dramatik der Entwicklung
gesellschaftlicher Widersprüche überspielen und von deren strukturellen
Ursachen ablenken zu können. Seither folgt die Diskussion weitgehend seinem
problemverengenden Blick. Nicht zufällig begegnet uns überall in den
Medien, wenn sie die Ausgrenzungsproblematik behandeln, immer wieder eine begriffliche
Unschärfe: Es wird nicht über die Unterschicht diskutiert, sondern über
ein Sozialsegment unterhalb der Unterschicht.
Die
Aussagen der Studie über ein »Abgehängtes Prekariat« geben
die lebensgeschichtliche Situation eines Teils der Bevölkerung wieder, der
im Westen Deutschlands vier bis fünf und im Osten 20 bis 25 Prozent umfaßt.
Es handelt sich um Langzeitarbeitslose, Hartz-IV-Empfänger, aber auch »arbeitende
Arme« (fünf Prozent der Vollerwerbstätigen in der Bundesrepublik
leben unterhalb der Armutsgrenze; in der Präkarisierungsstudie sind sie teilweise
in der Kategorie »Autoritätsorientierte Geringqualifizierte«
wiederzufinden), denen es nicht nur materiell schlecht geht, sondern die jede
Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer Lebenssituation aufgegeben haben.
Sozialwissenschaftler
kennen diesen Befund aus allen kapitalistischen Metropolenländern. Man spricht
von den »Abgekoppelten«, die nicht nur von regulärer Erwerbsarbeit
ausgeschlossen sind und auch keine Chance einer Wiedereingliederung mehr sehen,
sondern sich ihrem »Schicksal« ergeben haben.
Nach
anfänglichen Phasen subjektiver Auflehnung setzen sich bei den Ausgegrenzten
Tendenzen geistiger und emotionaler Verarmung durch: Die Neugier auf die Welt
jenseits ihres unmittelbaren Lebensraumes, die als feindlich und anmaßend
erlebt wird, stirbt ab. Die meisten verlieren in dieser Situation den Mut und
die Kraft, planend und gestaltend auf die eigenen Lebensbedingungen einzuwirken.
Die psychischen Reaktionsmöglichkeiten der Krisenopfer verengen sich, Depression
und Resignation zehren an ihnen. Auch deshalb sterben Arme mittlerweile fast zehn
Jahre früher als ihre wohlhabenden »Mitbürger«.
Die
Konsequenz der psychischen Destabilisierungsprozesse sind zivilisatorische Rückbildungstendenzen
(vom Analphabetismus bis zur sozialen Verwahrlosung). Wer Hartz-IV-Empfängern
beispielsweise die Befreiung von Schulbuchkosten verweigert, nimmt solche Folgen
billigend in Kauf. In etlichen Kommentaren zu Beck wurde das gesellschaftlich
erzeugte »moralische Elend« als individuelles Versagen interpretiert.
Es ist, wie Bert Brecht sah und sagte: Man thematisiert nicht die Armut der Armen,
sondern ihre Schlechtigkeit.
Die
Lage in den gesellschaftlichen Kellergeschossen wäre nicht so dramatisch,
wenn nicht gleichzeitig in den meisten Stockwerken ein Prozeß sozialer Rückstufung
im Gange wäre und gesellschaftliche Perspektivlosigkeit sich ausbreitete.
Nicht nur die sozialen Ungleichheiten haben zugenommen, auch die soziale Unsicherheit
hat sich verallgemeinert. Sozial erzeugte Angst ist zu einer prägenden Sozialerfahrung
geworden.
Diesen
Blick auf den gesellschaftlichen Gesamtzustand vermieden die Wortführer der
»Unterschichtdebatte«. Sie gestanden soziale Verwerfungen ein, schwiegen
aber über die Ursachen ebenso wie über die Wucht und die weitreichenden
Folgen der Prekarisierungs- und Reproletarisierungsprozesse. Die Armutsquote,
die 2003 noch bei 15 Prozent lag, ist aktuell auf 17,3 Prozent angestiegen. Deutlich
größer noch sind die Zonen sozialer Gefährdung: Weitere 20 Prozent
der bundesrepublikanischen Bevölkerung leben in so unsicheren Verhältnissen
und verfügen über ein so geringes Einkommen, daß sie jederzeit
den Boden unter den Füßen verlieren können.
Die
soziale Unsicherheit ist kein spezielles »Unterschichtenproblem«.
Bis weit in die Reihen einer ehemals »gutsituierten« Mittelschicht
hinein existieren die Absturzängste. Immer mehr »Leistungsindividualisten«
und ehemals »zufriedene Aufsteiger« (wie die Gruppen in der Studie
der Friedrich-Ebert-Stiftung genannt werden) müssen erfahren, daß ihre
Qualifikation ebenso wenig wie ihr Leistungswille sie vor sozialer Rückstufung
schützt. Die Rationalisierungswellen haben die Weiße-Kragen-Abteilungen
erreicht, und es wächst auch die Zahl akademisch Ausgebildeter, die sozial
ungeschützte (und schlecht bezahlte) Jobs akzeptieren müssen.
In
der gegenwärtigen Umgestaltung der Klassengesellschaft werden Konturen eines
dreigeteilten Gesellschaftskörpers erkennbar. Er wird, wenn sich diese Trends
fortsetzen, aus einem gutsituierten Bevölkerungsdrittel (das die herrschende
Klasse und ihre Funktionseliten umfaßt) und einem weiteren Drittel mit phasenweise
auskömmlichen Lebens- und Arbeitsverhältnissen bestehen, das jedoch
permanent von sozialer Zurückstufung bedroht ist. Übrig bleibt ein Restdrittel,
das zur ökonomischen Dispositionsmasse degradiert ist und kaum noch Chancen
hat, den Zonen der Bedürftigkeit und der existenziellen Unsicherheit jemals
zu entkommen.
Der
Modergeruch einer sozialen Rückentwicklung kann nicht mehr ignoriert werden.
»Ein neues Proletariat ist im Entstehen, dem die kollektiv geregelten Normalarbeitsverhältnisse
und die sozialstaatlichen Vermögenssurrogate für die Wechselfälle
des Daseins zunehmend fremd werden. Es wird über den aktuellen Krisenzyklus
hinaus langfristig durch die Erfahrung von Erwerbslosigkeit, von prekären
Beschäftigungsverhältnissen, von zweiten und dritten
Arbeitsmärkten und von abrupt eintretenden Armutsphasen geprägt sein«,
prognostizierte Karl Heinz Roth schon vor 15 Jahren.
Diese
mittlerweile prägend gewordenen Trends resultieren ursächlich nicht
aus den Disziplinierungszwängen »der Märkte«, auf die sich
eine Sozialwissenschaft konzentriert, die die tabuisierten, karriereschädlichen
Worte »Klassengesellschaft« und »Ausbeutung« nicht mehr
in den Mund nehmen will. »Markt« und »Globalisierung«
dienen auch als Rechtfertigungsfassade, hinter der die Besitzer der Produktionsmittel
und der großen Vermögen ihre Profitinteressen Haupttriebkräfte
dieser Umgestaltung der Sozialverhältnisse verbergen.
Tatsächlich
sind die Ausgrenzungsprozesse das unmittelbare Resultat radikalisierter Kapitalverwertungsstrategien,
zu deren Merkmal ein selektiverer Zugriff auf die Arbeitskräfte als in der
Vergangenheit gehört: In den auf Vordermann gebrachten Ausbeutungsstrukturen
ist nur noch Platz für die hundertprozentig Leistungsfähigen. Die Älteren
und gesundheitlich Angeschlagenen, alle, die nicht »wendig« und »flexibel«
genug sind, werden aus der Arbeitswelt entfernt. Die für die Mehrwerterzeugung
nicht mehr Benötigten werden ins gesellschaftliche Abseits gedrängt
und den Sozialkassen überantwortet. Arbeitsplatzabbau und die in der Regel
eng damit verbundene Intensivierung und »Verdichtung« der Arbeit für
die weiterhin Beschäftigten sind unmittelbar Ausdruck kapitalistischer Ausbeutungsstrategien.
Sozialdestruktiv
entwickeln sich auch die High-Tech-Bereiche des Gegenwartskapitalismus: Einer
geringeren Zahl neugeschaffener Arbeitsplätze mit hohem Anforderungsprofil
steht eine wachsende Zahl unsicherer Arbeitsplätze mit niedrigem Qualifikationsprofil
in den ausgelagerten Bereichen (meist mit Zulieferstatus) gegenüber. Technische
Umorganisation ist zumeist mit sozialer Spaltung verbunden, wobei bisher Beschäftigte
»überflüssig« und prekäre Beschäftigungsverhältnisse
üblich werden.
Die
aus den »Normalitätszonen« herausgedrängten Menschen sind
trotz aller Perspektiv- und Ausweglosigkeit ihrer Situation bemüht, sich
nicht unterkriegen zu lassen. Aber ihre Überlebenstechniken werden defensiver.
Für
die herrschende Klasse sind die Menschen in den gesellschaftlichen Randzonen dennoch
nicht ganz »überflüssig«. Sie stellen immerhin noch ein
Drohpotential für die (noch) Integrierten dar, das diese daran erinnert,
wie tief sie fallen können, wenn sie sich nicht nach der Decke strecken,
flexibel und leistungsbereit.
Die
soziale Rückstufung (auch unter das soziale Existenzminimum, wie immer öfter
gefordert wird) geschieht mit Absicht. Denn das Kapital hat es in den letzten
beiden Jahrzehnten seines Kampfes gegen die Arbeiterklasse gelernt, daß
Billiglohnzonen unproblematischer sich durchsetzen und die Lebensverhältnisse
ohne nennenswerten Widerstand verwertungskonform sich umstrukturieren lassen,
wenn die Absturzzonen einschüchternd präsent sind.
 © Ossietzky 22
/ 2006 |