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Glosse vom 20. Juli 2011:

Talente gesucht

Von Max Holzmüller

„Neues Wirtschaftswunder: Fachkräfte dringend gesucht. Deutschland wirbt Arbeitnehmer in Europas Krisenländern an“ - titelt die Neue Westfälische. Eine frohe Botschaft? In europäischen Peripherieländern stehen krisenbedingt massenhaft junge Menschen beschäftigungslos auf der Straße herum, allein in Spanien ist beinahe jeder zweite betroffen. Zwar gibt es auch hierzulande ein Millionenheer „Überflüssiger“, doch die will niemand zu Fachkräften ausbilden, das würde ja Geld kosten. Da winken die Unternehmen sofort ab, und die Arbeitsagentur wurde von der Politik angewiesen, Qualifizierungsmaßnahmen drastisch zusammenzustreichen. – Also her mit den spanischen Ingenieuren, den portugiesischen Pflegekräften und den griechischen Ärzten!

In den genannten Ländern sollten Deutsche demnächst allerdings keinen Urlaub mehr machen. Wenn nämlich das Auto mal unerwartet stehen bleibt, kann es dort nicht mehr repariert werden. Und im Krankheitsfall fehlt der Arzt, der helfen könnte.

Lohndruck erwünscht
Braindrain aus Krisenstaaten?

Von Jörn Boewe

Die Vitalität des kapitalistischen Systems ist atemberaubend. Aus jeder Krise wird neues Kapital geschlagen, koste es, was es wolle. Da werden über Jahre hinweg Strategien verfolgt, mit denen man ganze Volkswirtschaften gezielt gegen die Wand fährt. Aber wenn dann nach zwei Jahrzehnten internationalen Wettlaufs um die weitgehendsten Steuersenkungen für die begüterten Klassen, um maximale Umstellung der Staatsfinanzierung auf Pump und forcierte Betuttelung der Finanzmärkte praktisch die komplette Südflanke der Europäischen Union vor dem Staatsbankrott steht, bedeutet das für Big Business keine Katastrophe, sondern nur einen Schwung neuer Geschäftsmodelle.

Eines davon erklärte uns am Montag die Bundesagentur für Arbeit: Im Kampf gegen den seit Jahren beschworenen »Fachkräftemangel« – ein zu einem Viertel reales und zu drei Vierteln herbeihalluziniertes Phänomen – werde man ab sofort verstärkt auf die Anwerbung qualifizierter Jobsuchender aus den Krisenstaaten Spanien, Griechenland und Portugal setzen. Alten- und Krankenpfleger, Ärzte, IT-Spezialisten, Ingenieure, Facharbeiter – sie alle kann man in der Bundesrepublik mit ihren – je nach Berechnungsmethode – vier (Arbeitsagentur) bis neun Millionen (Statistisches Bundesamt) Erwerbslosen und Unterbeschäftigten offenbar nicht finden. Tatsächlich findet man sie, aber eben nicht für einen »Appel und ’n Ei«. Karl Brenke, Experte vom nicht gerade als gewerkschaftsnah geltenden Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, hat in den vergangenen Jahren immer wieder darauf hingewiesen, daß es in der deutschen Wirtschaft weniger einen Fachkräftemangel gibt als vielmehr ein starkes Bedürfnis, die Löhne, vor allem im Segment der Hochqualifizierten, nachhaltig zu drücken.

Zuletzt hatte man eben das mit der Einführung der sogenannten Arbeitnehmerfreizügigkeit für die 2004 der EU beigetretenen Staaten zum 1. Mai dieses Jahres erreichen wollen. Allerdings ging die Rechnung nicht auf, der Ansturm blieb aus. Offenbar stellen sich polnische Facharbeiter und tschechische Ingenieure unter einem »attraktiven Job« etwas anders vor, als ihnen deutsche Wirtschaftskapitäne anbieten. Wenn man eh die Zelte abbricht, kann man auch gleich nach Nord- oder Westeuropa weiterziehen.

Ginge es wirklich um die langfristige Sicherung des Potentials an technischer Intelligenz in dieser Republik, an jener Ingenieurskunst, die der deutschen Wirtschaft nach der Gründerzeit zur Weltgeltung verholfen hat, würde unser Bildungswesen anders aussehen. Weil das aber auch die oberen Zehntausend ein paar Euro kosten würde, stopft man die Löcher im Personalstamm lieber mittels »Braindrain«. Irgendein »Failed state« findet sich immer, notfalls hilft man nach. Wie seinerzeit die noch gut ausgebildeten jüngeren Fachkräften aus der DDR sollen jetzt die aus den Mittelmeeranrainern ihre Koffer packen und rübermachen. Was übrig bleibt, sind »blühende Landschaften«.

In: jungeWelt, 19.07.2011

Gesammelte Glossen 2006-2008

 

 
 

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Von Max Holzmüller

 
 
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