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Glosse vom 03. Mai 2009:

Tierisch

Oder: Wie man sich radikal gibt

Von M.W.

Die Wirtschaftskrise bringt viele Menschen in Bedrängnis - vornehmlich solche, die an dem spekulativen Geschäft im Finanzmarkt gar nicht beteiligt waren, weil ihnen dafür das Spielgeld fehlt. "Soziale Unruhen" werden befürchtet, außerdem stehen Wahlen an, also sind die Werbeabteilungen der Parteien eifrig bemüht, den Zorn im Publikum umzulenken in die Neigung zur Stimmabgabe für das eigene Politangebot. Genauer: Für die eigenen Wahlversprechen, denn nach der Wahl, wenn's um das Regieren geht, ist nicht vor der Wahl. Und so ist auch Kapitalismuskritik wieder ein Marketingrenner geworden: Parteiredner wettern gegen (die kennen wir schon) "Heuschrecken", "Finanzhaie", "Profitwölfe" und anderes Getier, immer neue eklige Viecher kommen in den Blick.

Die armen Tiere. Tatsächlich haben sie gar keine Chance, sich im Finanzmarkt zu tummeln, außerdem sind ihnen die durchaus menschlichen Gewohnheiten von Kapitalverwertung, Spekulation und Gewinnmacherei durchaus unbekannt.

Es handelt sich also bei der "kapitalismuskritischen" Attacke auf Tiere um ein Ablenkungsmanöver. Dies auch aus folgendem Grund: Zweifellos betätigen sich in Banken, Großunternehmen, an den Börsen und Finanzmärkten eben auch besonders profithaschende Kapitaleigner, Investoren und Manager, die auf Teufel komm raus ihre Konten nach oben treiben wollen. Aber so dumm kann kein Politiker sein, daß er allen Ernstes glauben würde, das Gierverhalten solcher Individuen habe eine sonst so schön funktionierende "Marktwirtschaft" in den Ruin gebracht. Abgelenkt wird also mit dem Angriff aufs "Tierische" von den zerstörerischen Eigenschaften im ökonomischen System.

Ganz kurios wird es, wenn Politiker, die sich auf das gedankliche Erbe der Marx'schen Theorie berufen, selbstverständlich mit Distanzierung vom "Sowjetmarxismus", "tierische" Wirtschaftsmenschen als Verursacher der Krise anklagen. Es war kein Versehen, daß dem Marx'schen Hauptwerk nicht der Titel "Die Kapitalisten" sondern "Das Kapital" gegeben wurde.

Für den Europawahlkampf hat sich die SPD-Zentrale ein Plakat ausgedacht, auf dem ein zähnefletschendes Untier zu sehen ist, mit dem Text: "Finanzhaie würden FDP wählen". Na dann - viel Spaß im Haifischbecken, wenn nach der Bundestagswahl die SPD, wie sie es ja im Kalkül hat, mit der FDP zusammen regiert.


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