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Veranstaltung des Linken Forums Paderborn:
Dienstag, 18. September 2007



"Traditionelle Positionen verlassen": Prof. Dr. Karl A. Otto (links) referierte über Geschichte und Zukunft der Sozialdemokratie. Marlene Lubek (rechts) leitete durch den Abend

Von August Bebel über Willy Brandt zu Kurt Beck:

Die SPD - noch eine sozialdemokratische Partei?

Vortrag und Diskussion mit:
Prof. Dr. Karl A. Otto, Bielefeld

Dienstag, 18. September 2007
20:00 Uhr
Kulturwerkstatt, Cafeteria
Bahnhofstr. 64 in Paderborn

Moderation:
Marlene Lubek
 
Die SPD ist die älteste unter den deutschen Parteien - aber was ist sie heute? Sie leidet unter Vertrauensverlust, ihr Verhältnis zu den Gewerkschaften ist getrübt, und nun denkt sie über ein neues Programm nach. Von links her hat die SPD massive Konkurrenz bekommen und offen ist, mit wem sie zukünftig Regierungsbündnisse schließen will.

Was ist geblieben von der Tradition dieser Partei? Welche Ziele setzt sich sich? Welchen Wandlungen unterliegt sie? Darüber referiert und diskutiert Prof. Dr. Karl A. Otto.



Presseecho:

Paderborner "Wochenspiegel" vom 22.09.2007:

"Volkspartei" - ein auslaufendes Modell?

Paderborner Linke üben sich in der Debattenkunst

Paderborn (mw). Eine gut besuchte Veranstaltung mit viel Soff für Kontroversen: Prof. Dr. Karl A. Otto (Bielefeld), selbst Mitglied dieser Partei, referierte beim Linken Forum Paderborn über die Frage, ob die SPD noch sozialdemokratisch sei. Er kam zu einem eher negativen Ergebnis - die Partei habe auch in ihren programmatischen Äußerungen die traditionellen Positionen immer mehr verlassen. Marlene Lubek als Moderatorin des Abends verwies auf den massiven Verlust an Mitgliedern und machte den generellen Schwund des Vertrauens in das Modell der beiden "Volksparteien" deutlich, auch wenn dies zur Zeit in erster Linie die SPD betreffe. Hätte es Alternativen gegeben zur Politik der Agenda 2010, mit der die SPD in ihre Krise geraten ist? Darüber gingen in der Diskussion die Meinungen weit auseinander, naheliegenderweise, denn: SPDler stritten mit Anhängern der neuen Linkspartei, ließen aber auch unterschiedliche Einschätzungen erkennen. Und es gab Stimmen aus dem Publikum, zum Beispiel von Mitgliedern der Demokratischen Initiative Paderborn, die daran zweifelten, ob der gegenwärtige Parteienbetrieb denn überhaupt geeignet sei, Interessen der Arbeitnehmerbevölkerung zur Geltung zu bringen. Josef Hackfort brachte eine Frage in die Debatte, die weitere Behandlung verdient hätte: Sind Profipolitiker heute noch nah genug dran an der Problemwelt derjenigen, die sie "vertreten" sollen?

Ein interessanter Abend, ohne allzu viele persönliche Attacken, und darin mit weitgehender Übereinstimmung: Vor Ort müssten Linke unterschiedlicher Couleur Gemeinsamkeiten suchen, wenn soziales Engagement gefragt ist. Ein realistischer Ansatz, denn der Streit um die Parteien wird weitergehen. "Links" - so wurde an diesem Abend deutlich - ist bunt.


Kommentar vom 22.09.2007:

Soziale Leerformeln

von Carsten Schmitt

Haben programmatische Aussagen von Parteien etwas mit deren Praxis zu tun? - Unter dem Titel "Die SPD - noch eine sozialdemokratische Partei?" referierte Prof. Dr. Karl Otto, Bielefelder Politikwissenschaftler und SPD-Mitglied, beim Linken Forum Paderborn zur Programmgeschichte der deutschen Sozialdemokratie. Fazit von Otto: Die SPD habe traditionelle Positionen immer mehr verlassen und fraglich sei, ob die grundlegende Ausrichtung der Partei weiterhin das Etikett "sozialdemokratisch" verdiene.

In diesem Zusammenhang lohnt sich sicher ein Blick in die jüngste Buchveröffentlichung "Auf der Höhe der Zeit", herausgegeben von den SPD-Politikern Frank-Walter Steinmeier, Peer Steinbrück und Matthias Platzeck. Steinmeier und Steinbrück sind von Parteichef Kurt Beck zu Stellvertretern ausersehen; sie sollen also maßgeblich die politische Ausrichtung der SPD mitbestimmen.

Der Buchtitel könnte auch "In den Höhen der Spekulation" lauten, denn der Einleitungstext der Autoren kommt ohne jeden Bezug zur Empirie aus, sprich: zu der tatsächlichen SPD-Politik. Fortwährend wird zwar eine "Soziale Demokratie" proklamiert, deren Wesenselemente im gesellschaftlichen "Zusammenhalt", in "wirtschaftlicher Dynamik" und "Demokratie" bestünden. Doch ob "Hartz IV" oder die massive Einführung von Minijobs dem "Zusammenhalt" zuträglich sind, findet nicht einmal eine Erwähnung. Gewünscht hätte sich der Leser sicher auch einen Hinweis darauf, ob etwa die Steuerbefreiung für internationale Finanzinvestoren (genannt "Heuschrecken") der "wirtschaftlichen Dynamik" dient. Oder ob die aktuelle Teilverscherbelung öffentlicher Unternehmen wie der Bahn besonders demokratieförderlich ist.

Ganz abstrakt bleibt das Lob für Gerhard Schröders Agenda-2010-Politik. Da lohnt sich dann doch einmal die Mühe, die Folgen dieser Politik an Realitätsgehalten zu messen: Da finden sich stagnierende bis sinkende Löhne, explodierende Managergehälter, die Kommerzialisierung aller Lebensbereiche, der Abbau sozialstaatlicher Regelungen, die Erhöhung der Steuern für Normalbürger und die Senkung der Steuern für die großen Kapitalien.

"Soziale Demokratie"? Der "warm" anmutende Begriff bleibt im Text von Steinmeier/Steinbrück/Platzeck eine Leerformel. Eine notwendige Konkretisierung gewönne der Begriff einzig durch praktisches soziales Engagement an der Basis. Ansätze zu solchem gemeinsamen Handeln von SPDlern und Mitgliedern von Linkspartei und Demokratischer Initiative Paderborn wurden beim Diskussionsabend des Linken Forums durchaus sichtbar - auf der Höhe der Dringlichkeiten vor Ort.
 

 
 Vortrag- und Diskussion
mit:
Prof. Dr. Karl A. Otto, Bielefeld

 
 
 Daß nicht alles schläft

»... – grade in den Kämpfen dieser Epoche, wo die Parteien so schön satt und kugelrund dasitzen, ist ein Stamm von Nomaden notwendig, von Unseßhaften und Beweglichen – Eilboten der Idee. Sie sind friedlos und nirgends gern gesehen, sie streifen suchend durch die Nacht. Der Schein ihrer Feuer zeigt an, daß nicht alles schläft.«

Carl von Ossietzky

in Die Weltbühne vom 19.6.1928
 
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