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des Linken Forums Paderborn vom 23. April
2007:
taz
on tour: "Neue Armut"
Diskussion
mit den taz-Autoren Jens König* und Nadja Klinger*
im
Kulturteil: Eckhard Radau und Bernd Düring

Montag,
23. April 2007, 20:00 Uhr
Kulturwerkstatt Cafeteria Bahnhofstraße
64, Paderborn

  Die
"neue Armut" ist in Nordrhein-Westfalen angekommen. Im bevölkerungsreichsten
Bundesland hat der Strukturwandel eine tiefe Spur hinterlassen. Die Arbeitslosigkeit
liegt mit 10,4 Prozent über dem Bundesdurchschnitt, 12% der Haushalte müssen
mit einem Nettoeinkommen von weniger als 900 Euro auskommen. Aber was sind die
Gesichter der Armut. Wie lebt es sich von 345,- Euro im Monat? Was tun, wenn einem
die Schulden über den Kopf wachsen? Und wie kann eine zeitgemäße
Armutspolitik diesen Problemen begegnen. Diese Fragen wollen wir mit den taz-Autoren
Jens König und Nadja Klinger erörtern.

  Presseecho:
Neue Westfälische vom 23.05.2007:
Politik
leidet an Wahrnehmungsstörungen
Neue Armut war
Thema beim Linken Forum
Paderborn.
Als autistisch könne man den offiziellen Politikbetrieb bezeichnen, er leide
an einer schweren Wahrnehmungsstörung, die die sozialen Nöte der Bevölkerung
nicht mehr in den Blick bekäme. So lautete ein Kernsatz von Jens König,
Redakteur der Tageszeitung (taz) bei einer Lesung aus seinem Buch Einfach
abgehängt. König und die Co-Autorin Nadja Klinger (ebenfalls für
die taz tätig) waren auf Einladung des Linken Forums Paderborn in die Kulturwerkstatt
gekommen. Außerdem im Podium: Dr. Werner Eichhorst, der als Befürworter
der Hartz-Reformen offenbar die Rolle des advocatus diaboli
übernommen hatte.
Zur
Erläuterung seiner Autismus-These zitierte König zustimmend einen Befund
von Heiner Geißler aus dem Jahre 1976: Es gibt einen eklatanten Mangel
an Wissen über Armut. Aus eben diesem Grund verfehlten die Hartz-Reformen
ihr Ziel, im Einzelfall tatsächlich fördernd zu wirken, positive Beschäftigungseffekte
blieben aus.
Die
Armutsmilieus in Deutschland sind sehr vielfältig, eine Arbeitsmarktreform
allein, zumal in dieser überbürokratisierten Form, könne Armut
nicht beseitigen, betonte König. Dem musste auch Dr. Eichhorst beipflichten,
indem er eingestand, dass es neben eklatanten Vermittlungsdefiziten seitens
der politisch Verantwortlichen beträchtliche Umsetzungsprobleme der
Reformen gebe, die im Einzelfall auch krasse Ungerechtigkeiten produzieren.
Dennoch, so Eichhorst, sei die grundsätzliche Zielsetzung der Hartz-Reformen,
eine verbesserte und effektivere Vermittlung insbesondere von Langzeiterwerbslosen
zu bewirken, in der Tendenz zu begrüßen.
Wie
solche Umsetzungsprobleme in der Praxis aussehen, veranschaulichte
Nadja Klinger in ihrer Lesung am Beispiel einer Berlinerin, die sich aufgrund
einer Bürgschaft für ihren spielsüchtigen Freund verschuldet hatte
und infolgedessen in die Mühlen der Hartz-Bürokratie geraten
war. Zahlreiche Anläufe der Frau, eine Ausbildung als Krankenpflegerin genehmigt
zu bekommen, scheiterten, weil niemand auf Behördenseite sich zuständig
fühlt (behördenintern kursiert der Begriff des Kunden-Pingpongs)
und die gesetzlichen Bestimmungen nicht auf ihren Einzelfall passen.
Erst nachdem die völlig verzweifelte Frau sich an die Öffentlichkeit
wandte, zeigte sich die um ihr Image besorgte Arge-Leitung gesprächsbereit.
In
der anschließenden Diskussion mit dem Publikum wurde in mehreren Redebeiträgen
herausgestellt, dass die Hartz-Reformen als Instrumente zur Armutsbekämpfung
gänzlich gescheitert seien. Im Gegenteil: seit Inkrafttreten der Reformen
hätten Armut und prekäre Lebenssituationen durch Ein-Euro- und
Minijobs, geringfügige Beschäftigung und Zeitarbeit - deutlich zugenommen.
Allein im ersten Jahr nach Einführung der Hartz-Gesetze habe
sich zum Beispiel die Zahl der Kinder, die in Deutschland unterhalb der Armutsgrenze
lebten, verdoppelt.
©
2007 Neue Westfälische, Paderborner Kreiszeitung, Mittwoch 23. Mai 2007

 
tageszeitung vom 25.04.2007:
Hartz
IV, die neue Armut und die Schwierigkeit des Einzelfalls
von
GEREON ASMUTH
Nur einen Satz benötigt Werner Eichhorst, um den
zentralen Konflikt zu benennen. "Es ist immer schwierig, vom Einzelfall auszugehen",
sagt der Politikwissenschaftler vom Bonner Institut für die Zukunft der Arbeit,
um dann, allgemein betrachtet, die Vorzüge von Hartz IV beschreiben zu können.
Das Schicksal der Betroffenen aber, das wird schnell klar bei der Podiumsdiskussion
in der Kulturwerkstatt Paderborn, mag nicht so recht zur Arbeitsmarktreform passen.
"Die
Armut wächst, das Klima wandelt sich, der nächste Krieg kommt - sind
wir noch zu retten?", fragt die taz bei ihrer Debattentournee durch Nordrhein-Westfalen.
Zum Auftakt lasen am Montagabend taz-Parlamentskorrespondent Jens König und
die taz-Autorin Nadja Klinger Auszüge aus ihrem Buch "Einfach abgehängt".
"Es gibt einen eklatanten Mangel an Wissen über Armut",
sagt König - und zitiert damit nur eine Erkenntnis des CDU-Politikers Heiner
Geißler aus dem Jahr 1976. Die Gesellschaft, sagt König, interessiere
sich nur für Systeme, für die Agenda 2010, für den Umbau des Sozialstaates.
Den Kontakt zu den Betroffenen habe sie verloren. Dabei könne nur durch genaues
Hinsehen das Problem in seiner ganzen Schärfe wahrgenommen werden.
Was
darunter zu verstehen ist, macht seine Coautorin Nadja Klinger deutlich. Sie liest
eins der zwölf Portraits aus dem Buch vor: die Geschichte einer Berlinerin,
die sich überschuldet, weil ihr Freund einen Kredit verspielt, für den
sie gebürgt hat. Die in die Wirren der Hartz IV-Reform gerät und eine
Umschulung zur Krankenpflegerin nicht genehmigt bekommt. Weil beim Jobcenter ihr
Antrag verloren geht. Weil sie beim "Kunden-Pingpong" der Sachbearbeiter
untergeht. Weil der Chef des Jobcenters argumentiert, dass niemand ihr einen Job
nach der Weiterbildung garantieren könne. Weil ihr Einzelfall nicht zu den
Hartz IV-Bestimmungen passt. Ein Extremfall, wie Klinger zugibt. Aber ein Fall,
der sehr gut beschreibe, in welcher Lage sich ein Mensch befinde, der "diese
lebensfremde Reform leben soll".
Da muss selbst ein Hartz IV-Befürworter
wie Werner Eichhorst zugeben, dass es Unzulänglichkeiten bei der Umsetzung
der Reform gebe. Und dass die Effekte auf sich warten ließen. Dennoch verteidigt
er die Arbeitsmarktreform. Schließlich habe sie das Ziel, die Betroffenen
möglichst schnell wieder in Arbeit zu bringen und "die Transferabhängigkeit
zu überwinden". Dafür müssten auch Niedriglöhne in Kauf
genommen werden. "Es muss möglich sein, knapp oberhalb einer Grundsicherung
zu arbeiten", meint Eichhorst. Denn mit Job habe man dann immer noch ein
höheres Nettoeinkommen als ohne - und zudem ein besseres Selbstwertgefühl. Doch
bei den rund 60 Zuhörern in der Kulturwerkstatt erntet Eichhorst nur wütende
Kritik. Sie fühlen sich mehrheitlich von dem "neoliberalen Technokraten"
brüskiert. Auch Eichhorsts Appell, der Staat müsse mehr in die Bildung
investieren, um untere Schichten in den Arbeitsmarkt zu integrieren, geht unter.
Nicht nur die Sozialreform, gleich der ganze Kapitalismus wird vom Publikum in
Frage gestellt.
Für die Bekämpfung der Armut gebe es keinen Königsweg,
betont Jens König zum Schluss. Dafür gebe es viel zu verschiedene Milieus.
Schon deshalb sei sicher: Mit einer Arbeitsmarktreform allein könne man die
Armut nicht beseitigen.
Dann greift der Kabarettist Eckard Radau zum Mikrofon.
Begleitet von Bernd Düring am Klavier singt er: "Wer wenig hat, dem
wird auch noch das Wenige genommen." Auch das ist ein Zitat, von Heinrich
Heine aus den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts.
©
2007 tageszeitung, Mittwoch 25. April 2007

  *
Jens König ist Leiter des Berliner Parlamentsbüros der taz. Nadja
Klinger arbeitet in Berlin als freie Autorin für den "Tagesspiegel"
und die taz. Zusammen veröffentlichten die im Herbst 2006 das Buch "Einfach
Abgehängt. Ein wahrer Bericht über die neue Armut in Deutschland",
das im Februar 2007 mit dem Literaturpreis der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgezeichnet
wurde. In 12 Porträts schildern sie die neue Armut in Deutschland und erörtern
die Alternative einer "intelligenten Armutspolitik". | |