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Frühschoppen : Sonntag, 11. Februar 2007
Vom
Bürgerfunk ins Medienabseits
Die Zukunft der Bürgermedien
Politischer
Frühschoppen in der Kulturwerkstatt,
Cafeteria Bahnhofstr. 64 in Paderborn um 11.30 Uhr mit Peter
Borchert Gewerkschaften für Bürgermedien NRW e.V.
Jürgen
Mickley Vorstand Landesverband Bürgerfunk, Medienforum Duisburg e.V.
Katja
Knies Kreistagsabgeordnete, Bündnis 90/Die Grünen
Helga
Gießelmann, MdL SPD
Moderation: Martina Schu, ver.di
Eine
Veranstaltung in Kooperation mit dem Freien Radio Paderborn

  Zur
Veranstaltung:
Die sogenannten Bürgermedien sind seit
vielen Jahren in NRW ein wichtiger Bestandteil der Medienkompetenzvermittlung,
des Partizipationsgedankens und auch der Gegenöffentlichkeit.
Ausgerechnet
der Bürgerfunk in NRW soll allerdings gerade mehr und mehr kommerziellen
Interessen geopfert werden. Die Landesregierung plant ein Gesetz, das die kommerziellen
Interessen der Lokalradios klar vor die Möglichkeiten der Beteiligung an
den Medien stellt. Der Bürgerfunk in NRW steht vielerorts vor dem Aus. Ein
Netzwerk von landesweit 150 Radio- und Medienwerkstätten wird zerschlagen.
Auch die Medienversammlung NRW soll es in Zukunft nicht mehr geben.
Was
steckt dahinter? Welche politischen Einflussmöglichkeiten gibt es? Mit Politikern,
Praktikern und Experten wollen wir über die Zukunft der Bürgermedien
diskutieren.

  Pressebericht:
»Dem
Bürgerfunk soll die Sendezeit gekürzt werden«
CDU
und FDP wollen Landesmediengesetz von NRW reformieren. Freies Radio soll später
auf Sendung gehen. Ein Gespräch mit Thomas Eidmann
Interview:
Gerrit Hoekmann (vom 02.02.2007)
CDU und FDP haben in Nordrhein-Westfalen
einen Änderungsentwurf für das Landesmediengesetz vorgelegt, der die
Zukunft des Bürgerfunks gefährdet. Was ist geplant?
Dem
Bürgerfunk soll die Sendezeit von zwei Stunden pro Tag auf nur noch eine
Stunde gekürzt werden. Zweitens sollen wir anstatt ab 18 Uhr, nur noch ab
21 Uhr senden dürfen. Drittens sollen wir keine fremdsprachigen Sendungen
mehr ausstrahlen. Davon gibt es nicht viele, aber diese wenigen soll es in Zukunft
eben auch nicht mehr geben. Die Bürger, die das Programm gestalten, brauchen,
wenn die Änderung durchgeht, künftig eine Art Radio-Führerschein.
Zudem sollen die Beiträge künftig einen erkennbaren lokalen Bezug haben.
Wie
sieht es mit den Finanzen aus?
Die Landesregierung will den Bürgerfunk
nicht mehr insgesamt fördern, sondern nur noch für einzelne Sendungen.
Der Rest soll in die Qualifizierung fließen. Das wäre das Aus für
die gesamte Infrastruktur. Das »Radio in der Schule« ist zum Beispiel
eine gesetzliche Pflichtaufgabe des Bürgerfunks. Die Kosten tragen wir und
nicht die Schule.
Was stört Sie an der neuen Sendezeit?
Um
bei dem Beispiel zu bleiben: Bisher war es so, daß die Schüler ihre
Beiträge um 18 Uhr noch hören konnten, aber um 21 Uhr liegen die Jüngeren
schon im Bett. Sie machen also Sendungen, die sie gar nicht erleben können.
21 Uhr ist auch deshalb schlecht, weil da die meisten Leute vor dem Fernseher
sitzen.
Die Landesregierung preist die neue Uhrzeit an, weil die
Sendungen dann nach dem normalen Programm der Lokalsender laufen und nicht mittendrin
wie im Moment. Angeblich schalten viele Hörer beim Bürgerfunk ab ...
Dafür
gibt es keine Belege. Die privaten Lokalsender haben genug Hörer, immerhin
haben sie 2005 einen Umsatzrekord erzielt. Wenn der Bürgerfunk wirklich so
ein Abschaltfaktor wäre, dann wäre dieser Rekord kaum zustande gekommen.
Es wird behauptet, der Bürgerfunk sei ein Fremdkörper im privatwirtschaftlichen
Rundfunk. Der Hintergrund ist, daß jeder Verleger in seinem Medium seine
politische Linie durchsetzen will, das kann er mit dem Bürgerfunk aber schlecht.
Der ist wie Kraut und Rüben, wie die Bürger selbst. Damit muß
man leben, das muß man aushalten können. Das können die Verleger
aber schlecht, und deshalb fordern sie seit jeher, daß der Bürgerfunk
im WDR laufen soll. Und wenn er schon im privaten Lokalfunk stattfinden muß,
dann am besten am Ende der Sendezeit.
Was bedeutet es, wenn der Bürgerfunk
nur noch die halbe Sendezeit hat?
Welche Gruppe hat dann noch Interesse
daran, Radio zu machen? Die Beiträge müssen lange vorbereitet werden:
Da wird konzipiert, recherchiert und getextet. Da sind viele Leute dran beteiligt.
Nach der Mühe und Arbeit wollen sie dann natürlich auch gehört
werden im Radio.
Die Verleger wollen einen Lokalsender, der wenig kostet,
aber viel Geld bringt. Das gelingt nur, wenn immer mehr Rahmenprogramm ausgesstrahlt
wird und immer weniger lokal produziert wird, weil letzteres mehr Personalkosten
verursacht. Der Bürgerfunk ist ihnen bei einem solchen Konzept schlicht im
Weg.
Einige Sendungen, wie das Antifa-Radio, sind deutlich links
positioniert. Hat der Gesetzentwurf der Landesregierung auch ideologische Gründe?
Auf
jeden Fall. Das sitzt den Verlegern und der Regierung quer. Die betrachten linke
Gruppen natürlich nicht als ihre Klientel. Auf dem platten Land ist der Bürgerfunk
übrigens eher konservativ, da senden die Landfrauen und die Katholiken.
Was
bedeutet es, wenn künftig alle Beiträge einen lokalen Bezug haben sollen?
Wenn
jemand zum Beispiel eine Sendung über den Kirchentag macht, dann wurde der
bisher überall im Bürgerfunk gesendet. Jetzt will der Gesetzgeber, daß
die Beiträge nicht nur aus dem lokalen Raum stammen, also die Bürgerfunker
dort wohnen müssen, sondern sie müssen deutlich lokal sein. Das bedeutet:
Eine Sendung von Amnesty International über Uganda darf es nicht mehr geben.
Wie
sieht die Zukunft des Bürgerfunks aus?
Wenn
man ihn zeitlich im Programm immer weiter nach hinten schiebt, dann stirbt er
einen Tod durch Nichtbeachtung.
© 2007 by junge Welt, 02.02.2007 | |