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des Linken Forums Paderborn vom Donnerstag,
07. Dezember 2006 
Wir leben trotzdem
Esther
Bejarano - vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Künstlerin für
den Frieden
Die
Mitbegründerin und Vorsitzende des Ausschwitzkommitees, die Musikerin und
unermüdliche Zeitzeugin des NS-Verbrechen legt den Erfahrungsschatz ihres
80jährigen Lebens in einer Autobiographie vor.  Lesung
und Gespräch mit:
Esther Bejarano / Birgit Gärtner
Download Einladung...

 Foto:
Christian Gerards (NW)
um
20.00 Uhr
Kulturwerkstatt, Cafeteria Bahnhofstr. 64 in Paderborn

 Zur
Veranstaltung:
41948, diese fünf Ziffern werden der 18jährigen
Jüdin in Auschwitz in den Arm geritzt. Von da an ist sie nicht mehr eine
junge Frau namens Esther Loewy, sondern nur noch eine Nummer. 41948, diese Nummer
hat sich damals genauso unauslöschlich in ihre Haut gebrannt, wie die Erinnerungen
an die Hölle von Auschwitz. Birgit Gärtner hat die Erinnerungen aufgeschrieben.
Mit
Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW.

 Esther
Béjarano:
Esther
Béjarano, Tochter einer jüdischen Familie aus Saarbrücken, überlebte
das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, weil es ihr gelang, als Akkordeonspielerin
dem "Mädchenorchester von Auschwitz" zugeordnet zu werden. Ihre
Eltern und ihre Schwester wurden Opfer des Holocaust. Esther Béjarano hat
Auschwitz überlebt, das Konzentrationslager Ravensbrück, den Todesmarsch.
Nach der Befreiung nach Palästina ausgewandert, kehrte sie 1960 nach Deutschland
zurück, in ihre Heimat und die Heimat der Mörder ihrer Familie. Viele
Jahre später begann sie, ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Bis heute
engagiert sie sich gegen Rassismus und Antisemitismus.

 Presseecho:
Pressebericht in der Neuen Westfälischen vom 09.12.2006:
Begleitmusik
zum Massenmord
Esther Bejarano erinnert an ihre Zeit in Auschwitz
VON
CHRISTIAN GERARDS
Paderborn. In der neuen Berliner Republik wird der Name
zunehmend verdrängt: Auschwitz-Birkenau der Inbegriff des industriellen
Massenmordes in Nazideutschland. Doch dieser Abend forderte zur Erinnerung auf.
Das Linke Forum Paderborn hat in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Esther
Bejarano und Birgit Gärtner eingeladen, in der Kulturwerkstatt Paderborn
aus ihrem Buch Wir leben trotzdem vorzulesen.
Esther Bejarano
ist Mitbegründerin und Vorsitzende des Auschwitzkomitees, Mitglied der Vereinigung
der Verfolgten des Naziregimes, Musikerin und unermüdliche Zeitzeugin der
nationalsozialistischen Verbrechen. Ihr musikalisches Talent hat ihr das Leben
gerettet: sie wurde damals ausgewählt, im Mädchenorchester von Auschwitz-Birkenau
das Akkordeon zu spielen. Birgit Gärtner, Journalistin aus Hamburg, hat die
Erinnerungen Bejaranos zu Papier gebracht. Keine drei Meter entfernt sitzt eine
der letzten lebenden Überlebenden des Vernichtungslagers. Allein die Anwesenheit
der heute 82-jährigen Hamburgerin ist beeindruckend, und sobald sie ihre
Lesung beginnt, kann man buchstäblich eine Stecknadel fallen hören.
Ihre Worte sind klar und einfach, nur selten derb und brutal. Da die Veranstaltung
wegen eines Staus auf der Autobahn mit 90 Minuten Verspätung anfing, begann
sie gleich in Auschwitz. Begleitmusik zum Massenmord ist dieses Kapitel
überschrieben. Eine behutsame Heranführung an das Unaussprechliche ist
nicht gegeben.
Glück spielt im Leben Bejaranos in jener Zeit eine
große Rolle. Glück, eine von wenigen zu sein, die das Vernichtungslager
überlebt zu haben. Glück, musizieren zu können und eine Viertel-Arierin
zu sein. Glück, alte Freundinnen wieder zu treffen und das Glück hautnah
zu erleben, wie sich amerikanische und russische Soldaten im besiegten Deutschland
begegneten, sich in die Arme fielen und sangen. Sie wurden dabei von der Akkordeonspielerin
des Mädchenorchesters von Auschwitz-Birkenau begleitet.
Esther Bejarano
berichtete von ihrer Deportation und von den Selektionen an der Rampe. Von der
vermeintlich freundlichen Geste der SS-Schergen, dass Alte, Schwangere, Frauen
mit kleinen Kindern mit dem Lastauto fahren dürften: Der Weg zum Lager
ist ziemlich weit. Jedoch wusste Bejarano schnell, dass die Autos
direkt in die Gaskammer fuhren.
Die Begrüßung im Konzentrationslager
war derb und für die Ankommenden eine klare Ansage: So, Ihr Saujuden,
jetzt werden wir Euch mal zeigen, was arbeiten heißt, wurde sie damals
begrüßt. Die Arbeit war Schikane Steine schleppen von einem
Platz zum anderen und anschließend umgekehrt. Schließlich wurde sie
ausgewählt im Mädchenorchester zu spielen, da sie den Blockältesten
manchmal Lieder singen musste. Sie wurde fortan zu einem Funktionshäftling.
Sie
durfte in der Funktionsbaracke übernachten, wo sie richtige Betten
mit Kopfkissen und Bettdecke vorfand. Die Kehrseite der Medaille war ihre
Arbeit: sie musste musizieren, wenn die Arbeitskolonnen das Lager verließen
und wieder zurückkamen. Später musste sie musizieren, wenn die Vernichtungszüge
an der Rampe vorfuhren.
Esther Bejarano wurde, da die Mutter ihres Vaters
Nicht-Jüdin war, aus Auschwitz abkommandiert und nach Ravensbrück gebracht.
Von dort brach sie auf den sogenannten Todesmarsch nach Westen auf. Sie konnte
fliehen und später nach Palästina auswandern.
1960 kam sie mit
ihrem Mann und zwei Kindern in das Land ihrer Peiniger und Mörder ihrer Eltern
und einer Schwester zurück. Ein schwieriger Schritt für sie, der auch
einige unfreundliche Begegnungen mit Neonazis zur Folge hatte.
Esther Bejarano
ist bis heute eine Kämpferin gegen Faschismus, Krieg und gegen das Vergessen
der Gräueltaten der Nationalsozialisten.
©
2006 Neue Westfälische, Paderborner Kreiszeitung, Samstag 09. Dezember 2006

 Auszüge
aus: Wir leben trotzdem
Esther Bejarano - vom Mädchenorchester in
Auschwitz zur Künstlerin für den Frieden
[...] "Wohin der
Zug fuhr, wussten wir nicht. Die Waggons waren überfüllt und wir konnten
uns kaum bewegen. ... Esther erinnert sich, dass viele alte und schwache Menschen
diesen mehrere Tage dauernden Horrortrip in den Viehwaggons nicht überlebten.
Ihre Leichen blieben die ganze Zeit in den Waggons. Mit Esther saßen viele
der Jugendlichen im Waggon, mit denen sie in Neuendorf zusammen war. Esther hatte
ein Auge auf Eli Heymann geworfen, an dessen Seite sie den Transport in die Hölle
überstand. Doch zu einer Liebesbeziehung kam es nicht mehr, denn dort, wo
die Reise enden würde, gab es weder Zeit noch Raum dafür - da musste
jede und jeder jede Sekunde des Tages ums blanke Überleben kämpfen.
Viele von Esthers Freundinnen und Freunden haben diesen Kampf gegen die faschistische
Vernichtungsmaschinerie verloren."
Wohin
werden wir gebracht? Alle
im Waggon bewegte dieselbe Frage: "Wohin werden wir gebracht?" Der Zug
hielt mehrmals, doch durch das vergitterte Fensterchen war nichts zu erkennen.
"Bei jedem Halt dachten wir: ´Jetzt sind wir erlöst und können
der stinkigen Luft entfliehen´, aber dann fuhren wir wieder weiter. Nach
ein paar Tagen nicht beschreibbaren Erlebens hielt endlich der Zug und die Türen
wurden geöffnet. Wir stiegen aus und einige zivil gekleidete Männer
begrüßten uns ganz freundlich. Es hieß, wir kämen in Arbeitslager,
Frauen und Männer getrennt. Etwas entfernt von der berühmten Rampe standen
einige Lastautos." Die
Bedeutung dieser Rampe sollten Esther und die anderen Gefangenen später kennen
lernen, an dem Tag ihrer Ankunft dachten sie sich noch nichts dabei, als es hieß,
kranke und gehbehinderte Menschen, Mütter mit kleinen Kindern, schwangere
Frauen und Frauen über 45 Jahren sollten auf die Lastautos steigen, da der
Weg zum Lager ziemlich lang sei. Im Gegenteil, es schien eine freundliche Geste
zu sein: "Viele stiegen bereitwillig auf die Autos. Einige junge Menschen,
die mit ihren Eltern mitgehen wollten, wurden aufgehalten. Ihnen wurde gesagt,
sie könnten auch laufen. Die Autos fuhren direkt in die Gaskammer, aber das
wussten wir damals noch nicht." ... Esther
und die anderen Frauen marschierten, bis sie zu einem großen Tor kamen.
"Arbeit macht frei" stand dort in großen Lettern geschrieben.
An die dann folgende Begrüßung kann Esther sich noch sehr genau erinnern:
"Als wir durch das Tor kamen, wurden wir von den SS-Frauen und SS-Männern
mit folgenden Worten begrüßt: ´So, ihr Saujuden, jetzt werden
wir euch mal zeigen, was arbeiten heißt.´" ... "41
947 Menschen waren also schon vor mir hier" "Dann
wurden wir tätowiert, das heißt, wir standen alle in einer Reihe und
mussten warten, dass uns eine Nummer in den linken Arm geritzt wurde. Ich bekam
die Nummer 41 948. Namen waren damit abgeschafft, wir waren nur noch Nummern."
41 948, diese Zahlen haben sich damals genauso unauslöschlich in ihre Haut
gebrannt wie die Erinnerung an das, was sie in der Hölle von Auschwitz erwartete. Nach
der Tätowierung bekamen sie Sträflingskleider zugeteilt, da war ihnen
klar: "Wir sind hier in einem Konzentrationslager, solche Kleidung gibt es
nicht in einem gewöhnlichen Arbeitslager." Esther und ihre Freundinnen
und Freunde waren in Polen, in Auschwitz, im Lager Birkenau. "Ich weiß
noch, dass ich gedacht habe, nachdem ich die Nummer eintätowiert bekam: ´41
947 Menschen waren also schon vor mir hier. Wo sind die bloß alle?´"
[...]
Begleitmusik
zum Massenmord
Einige der Blockältesten fanden heraus, dass
Esther eine wunderbare Interpretin der Werke von Schubert, Bach, Mozart und anderer
Komponisten war. Sie ließen sie singen, dafür bekam Esther ein Stück
Brot oder manchmal auch Wurst extra. Eines Tages suchte die Dirigentin Tschaikowska
auf Befehl der SS nach Musikerinnen für das so genannte Mädchenorchester.
Die Blockältesten schlugen Hilde Grünbaum, Sylvia Wagenberg und Esther
vor. ... Nach drei Wochen mussten die Mädchen morgens und abends am Tor stehen
und Märsche spielen, wenn die Arbeitskolonnen aus- bzw. einrückten.
... Und schon bald musste das Mädchenorchester auch am Tor stehen und spielen,
wenn die Transporte mit jüdischen Menschen ankamen: "Die Menschen kamen
aus ganz Europa und fuhren direkt ins Gas. Als sie in den Zügen an uns vorbeifuhren
und die Musik hörten, dachten sie bestimmt: ´Wo Musik gespielt wird,
kann es so schlimm ja nicht sein.´ Für uns war das eine schreckliche
psychische Belastung. Wir wussten genau, dass diese Menschen ins Gas geschickt
wurden. Doch hinter uns standen schwer bewaffnete SS-Schergen und wir mussten
befürchten, dass sie uns erschießen, sobald wir aufhören zu spielen.
Bis heute sehe ich diese Bilder vor mir". ...
Während
eines Interviews, das ich vor Jahren für die Tageszeitung junge Welt mit
ihr machte, sagte Esther einmal zu mir: "Frag mich bloß nicht, wie
ich das durchgestanden habe. Ich weiß es nämlich selbst nicht."
Diese
schrecklichen Bilder von den Zügen, vollgestopft mit Menschenmassen auf dem
Weg ins Gas, sind nicht die einzigen Erinnerungen, die Esther bis heute quälen:
"Ich sehe auch den endlos langen Appell oder Sonderappell vor mir, wo die
SS-Frauen die Gefangenen auspeitschen ließen: 25 Schläge auf dem Bock.
Nach 10 Schlägen waren die meisten schon bewusstlos, aber es wurde immer
weiter geschlagen. Täglich sahen wir abgemagerte Leichen auf den Straßen
liegen. Sie wurden auf Schubkarren geladen und ins Krematorium gebracht. Viele
Frauen waren physisch und psychisch völlig erledigt. Manche Frauen liefen
aus Verzweiflung an den elektrisch hoch geladenen Stacheldrahtzaun, um ihrem Leben
ein Ende zu bereiten. Tote Frauen, die am Stacheldraht hängen, auch das ist
ein schrecklicher unvergessener Anblick. Es gab viele Momente, in denen auch ich
gehofft habe, bald tot zu sein, um die Grausamkeiten der SS-Bestien nicht mehr
ansehen zu müssen."
Esther bekam eine zweite Zahlung, diesmal
mehrere zehntausend Mark. Nissim (Esthers Mann, Anm. d. Red.) hatte dann die Idee,
sich selbstständig zu machen. "Er hatte jemanden in der jüdischen
Gemeinde kennengelernt, mit dem er sich zusammengetan und in Uetersen (Schleswig-Holstein),
etwa 30 Kilometer von Altona entfernt, eine Diskothek aufgemacht hat, die Blackbird
hieß. Das fing gut an, sollte aber als absolutes Fiasko enden."
Am
Anfang lief das Blackbird richtig gut. ... Doch irgendwie muss es sich rumgesprochen
haben, dass die Disco von zwei Juden betrieben wurde. Das veranlasste alte und
neue Faschisten, das Blackbird zu ihrer Zielscheibe zu machen. "Ganze Nazitruppen
kamen da rein und haben Schlägereien angefangen. Naja, es dauerte natürlich
nicht lange, und die anderen Gäste blieben weg. Schließlich bat mich
der Polizeichef von Uetersen zu sich und legte mir nahe, die Diskothek zu verkaufen.
Er sagte: ´Das hat keinen Sinn, es gibt so viele Nazis hier. So leid es
mir tut, aber das Beste ist, sie machen das Ding wieder zu.´" ...
Eine
Entnazifizierung hat nie stattgefunden
Nachdem der Leiter der Polizei
in Uetersen sie zu sich gebeten hatte, um ihr die Schließung des Blackbird
nahe zu legen, war Esther erst einmal geschockt. Wieder mit Faschisten konfrontiert
zu werden, damit hatte sie trotz aller Vorbehalte nicht gerechnet. "Unsere
Bekannten hatten uns doch immer wieder geschrieben, dass das Nachkriegsdeutschland
ein völlig anderes Land sei als ab 1933, ohne Antisemitismus und ohne Hass
auf Ausländer. Und dann das", schüttelt Esther noch heute den Kopf.
"Aber eine wirkliche Entnazifizierung hat im Nachkriegsdeutschland eben nie
stattgefunden."
Durch
den Reinfall mit dem Blackbird hatten die Bejaranos viel Geld verloren. Trotzdem
wagte Esther dann den Schritt, sich selbstständig zu machen: Sie eröffnete
am Grindel gleich neben dem Kino eine Schmuckboutique. Sie verkaufte Schmuck aus
aller Welt und Ednas Freund André Rebstock gestaltete ihr Schaufenster
wie aus einem arabischen Märchen. Die Arbeit mit dem Schmuck machte ihr sehr
viel Spaß und das Geschäft lief auch am Anfang ganz gut, die exotische
Auslage lockte neugierige Kundinnen herein. "Mein
Mann sagt, Juden, das sind alles Betrüger" Leider
nicht immer solche, die Esther gern sah. "Ich hatte auch israelischen Schmuck
in meiner Auslage", erinnert sich Esther. "Eines Tages kam eine Frau
herein, die sagte: ´Sie haben ja schöne Stücke in ihrem Sortiment.
Aber den israelischen Schmuck, den würde ich nie kaufen.´ ´Warum
nicht?´, fragte ich sie. ´Wissen Sie, es ist ja gar nicht wegen mir,
sondern es ist wegen meinem Mann. Und er hat ja auch Recht´, sagte sie.
´Was sagt denn ihr Mann?´, wollte ich wissen. ´Der sagt immer,
die Juden, das sind alles Betrüger´, antwortete sie. ´So? Kennen
sie denn überhaupt Juden persönlich?´, fragte ich daraufhin. ´Nee´,
sagte sie. ´Sie unterhalten sich gerade mit einer Jüdin´, antwortete
ich und zeigte mit dem Finger auf die Ladentür. ´Und jetzt verlassen
Sie bitte meinen Laden.´" ...
"Irgendwann
rief mich dann unser Freund Ossi Schapiro an, der ein Reformhaus in der Osterstraße
hatte. Er sagte: ´Hier in der Nähe ist ein kleiner Laden frei. Das
war zwar vorher ein Milchgeschäft, aber ich könnte mir ganz gut vorstellen,
dass deine Boutique da rein passt. Das ist eine Laufgegend, das wird bestimmt
klappen.´ Ich guckte mir den Laden an, er gefiel mir und ich hatte Glück,
ich konnte ihn mieten. So zog ich mit meiner Boutique dann in den Hellkamp. Der
Laden war so groß, dass ich noch Kleidung hinzunahm." ... Die Gegend
im Herzen von Eimsbüttel ist ein traditionell fortschrittliches Viertel und
dort sprach sich schnell herum, wer Esther war und was sie erlebt hatte. ... "Als
dann raus war, dass ich in Auschwitz gewesen bin, wurde ich bekniet, doch in die
VVN-BdA zu gehen, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Ich wusste gar
nicht, dass es so etwas gab, denn ich hatte mich um solche Sachen gar nicht gekümmert."
Ein
Infotisch der NPD bringt Esther zur VVN-BdA
Doch das sollte sich
ziemlich bald ändern. Eines Tages im Jahr 1978 beobachtete Esther, dass vor
ihrer Boutique ein Infostand aufgebaut wurde. Neugierig guckte sie, welche Gruppe
das denn wohl sei. Zu ihrem Entsetzen musste sie feststellen, dass ausgerechnet
die NPD da Werbung machen wollte. Dann sah sie, dass eine Gruppe mit Transparenten
kam, um dagegen zu protestieren. Kurze Zeit später kam die Polizei und fing
an, die Gegendemonstranten zu drangsalieren. Esther stand am Fenster ihres Ladens,
beobachtete das Geschehen und traute ihren Augen nicht. Im Eilschritt verließ
sie ihre Boutique und stellte sich auf die Seite der Protestierenden und fing
an, mit der Polizei zu debattieren, warum die Nazis schützen. Ein Beamter
sagte ihr, sie solle sich da nicht einmischen, sie solle machen, dass sie wieder
in ihre Boutique käme. Das war zuviel für Esther. Völlig außer
sich packte sie den Beamten am Revers und schrie ihn an: "Wissen Sie überhaupt,
was Sie da tun? Wissen Sie, wer diese Leute sind?" Der Beamte sagte, sie
solle ihn loslassen, ansonsten würde er sie festnehmen. "Damit machen
Sie mir keine Angst", schrie sie ihn an. "Ich war in Auschwitz und das
war schlimmer." Esther hörte noch, wie irgend jemand von der NPD zu
dem Beamten sagte: "Die war in Auschwitz, das ist eine Verbrecherin. Was
wollen Sie von der erwarten?"
Esther
war völlig schockiert. Diese Konfrontation war die Geburtsstunde der Politikerin
Esther Bejarano: "Am nächsten Tag bin ich dann in die VVN-BdA eingetreten."

 Esther
Bejarano/Birgit Gärtner: "Wir leben trotzdem", Esther Bejarano
- vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Künstlerin für den Frieden,
263 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 19,90 Euro, Pahl-Rugenstein Verlag 3-89144-353-6,
auch zu beziehen über den Neuen Impulse Versand. | |