Veranstaltung
des "Sozialen Bündnisses Paderborn" vom Dienstag,
24. Oktober 2006:




 Abschied
vom Sozialstaat?
Alternativen zum Reformspektakel 
Vortrag und Diskussion mit: Prof.
Dr. Friedhelm Hengsbach
Aktuell:
Streitgespräch:
Armut ist kein Schicksal (Frankf. Rundschau)

um
19.00 Uhr ( ! )
Hotel Aspethera (ehem. Kolpingshaus), Am Busdorf
7, Paderborn
Moderation:
Dr. Bernadette Grawe

 Friedhelm
Hengsbach:
Friedhelm Hengsbach hat Philosophie, Theologie
und Wirtschaftswissenschaften studiert und ist Professor für Christliche
Gesellschaftsethik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen
in Frankfurt am Main sowie Leiter des Oswald von Nell-Breuning Instituts
für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik. 1985 Professor für Christliche
Sozialwissenschaft/Wirtschafts- und Gesellschaftslehre. Jesuit und Sozialethiker;
Kritiker der neoliberalen Wirtschaft- und Sozialpolitik.1998 Gustav Heinemann
Bürgerpreis. 2004 Regine - Hildebrandt - Preis für Solidarität
bei Arbeitslosigkeit und Armut.Zahlreiche Buchveröffentlichungen. Literaturhinweis:
Das Reformspektakel. Warum der menschliche Faktor mehr Respekt verdient, Herder-Taschenbuch.


Presseecho:
Pressebericht
in der Neuen Westfälischen vom 26.10.2006:
Feldzug gegen Sozialstaat
Prof.
Dr. Hengsbach zu Gast beim Sozialen Bündnis
Paderborn
(ag). Hart ins Gericht mit der aktuellen Reformpolitik in Berlin ging Jesuit und
Sozialethiker Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach in seiner Rede im Hotel Aspethera.
Das Paderborner Soziale Bündnis hatte zum Thema Abschied vom Sozialstaat
eingeladen. Rund 100 Besucher lauschten den Thesen des Professors für Christliche
Gesellschaftsethik.
Im
Visier hat Hengsbach vor allem die Agenda 2010 und die Hartz-Gesetzgebung. Hier
werden gesellschaftliche Risiken wie Krankheit und Massenarbeitslosigkeit einfach
dem Einzelnen aufgehalst, der dafür zumeist nichts kann, stellte der
Experte fest. Aus sozialer Sicherung werde private Vorsorge.
Der
Feldzug gegen den Sozialstaat sei nicht neu. Ihn gebe es in Deutschland
bereits seit dem Lambsdorff-Papier zur Lockerung des Kündigungsschutzes 1982
und finde jetzt in der Agenda 2010 seine konkrete Fortsetzung.
Vehement
tritt Hengsbach für den Schutz der Würde des arbeitenden Menschen ein.
Entsprechend sei das Recht, angebotene Arbeit zu verweigern, für ihn elementar.
Eine richtige und gerechte Reform müsse sich an den Lebensentwürfen
der Menschen orientieren.
Hengsbach
ist sich sicher, dass die meisten Deutschen weit unter ihren Verhältnissen
leben. Dazu zählen für ihn eine gelungene Partnerschaft, Zeit für
die Privatsphäre oder das Leben in Einklang mit der Natur, was in der heutigen
Arbeitswelt kaum noch möglich sei. Solidarität sei eine gesellschaftliche
Steuerungsform, die heute nicht mehr funktioniere. Es gibt immer noch die
Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau, kein durchgängiges Berufsleben mehr
und zu wenig Kinder in den Haushalten. Ziel müsse eine demokratische
Solidarität sein, die auch wirklich alle Einkommen mit einbeziehe. Der Katholik
sprach sich für eine staatliche Beschäftigungspolitik in den Bereichen
Ökologie, Bildung und Kultur aus.
Für
den heimischen Soziologen Arno Klönne befindet sich Deutschland sozial gesehen
auf dem Weg in eine andere Republik. Die Arbeitnehmer würden kollektiv verdrängt,
der Solidargedanke sei auf dem Rückzug.
Verdeckte
Arbeitslosigkeit gibt es längst auch bei höheren Schichten, berichtet
Klönne, immer stärker würden solche Arbeitsverhältnisse ausgeweitet,
die letztlich Armut nicht verhindern könnten. Durch die zunehmende Umverteilung
von unten nach oben sei eine soziale Polarisierung nicht zu vermeiden.
Das
Soziale Bündnis strebt für mehr soziale Gerechtigkeit auf kommunaler
Ebene zurzeit einen Sozialpass für Paderborn und einen Ombudsrat für
die Arbeitsgemeinschaft für Arbeit (Arge) des Kreises Paderborn an.


Pressebericht des Evangelischen Pressedienstes vom 25.10.2006:
Hengsbach
fordert ökologischen Umbau gegen Arbeitslosigkeit
Hengsbach
fordert ökologischen Umbau gegen Arbeitslosigkeit
Paderborn (epd).
Der katholische Sozialethiker Friedhelm Hengsbach hat einen "ehrgeizigen
ökologischen Umbau" in Deutschland gefordert, um Arbeitsplätze
zu schaffen. Obwohl das Bruttosozialprodukt jährlich steige, gebe es viele
öffentliche Aufgaben, die nicht mehr erfüllt würden, sagte Hengsbach
am Dienstagabend in Paderborn. Er sprach sich für eine staatliche Beschäftigungspolitik
in Bereichen der Ökologie, Bildung und Kultur aus. Als Einsatzmöglichkeiten
nannte Hengsbach alternative Verkehrssysteme und Energieerzeugung.
Das
Geld für die Projekte müsse der Staat bereitstellen. "Er darf nicht
den Finanzmärkten und der Industrie überlassen, was sie mit ihrem Geld
machen", sagte Hengsbach. Mit der hohen Arbeitslosigkeit werde jährlich
eine Wertschöpfung in Höhe von 250 Milliarden Euro verschenkt, rechnete
der Sozialwissenschaftler vor.
Hengsbach kritisierte einen "Feldzug
gegen den Sozialstaat". "Der Abschied vom Sozialstaat hat in den Köpfen
der politischen Klasse stattgefunden", sagte Hengsbach. Begleitet würde
diese Kampagne von einer Diskussion über Gerechtigkeit. "Verteilungsgerechtigkeit
ist out, die neue Gerechtigkeit heißt Chancengleichheit", kritisierte
der Sozialethiker, der das Oswald-von-Nell-Breuning-Institut in Frankfurt am Main
leitet. Auch die Kirchen hätten dieses liberale Verständnis von Gerechtigkeit
in Formulierungen wie "gerechte Teilhabe" und "ausgleichende Gerechtigkeit"
übernommen. (b10111/25.10.2006)


Pressebericht des Sozialen Bündnisses vom 25.10.2006:
Dreißigjähriger
Feldzug gegen den Sozialstaat
Friedhelm
Hengsbach referierte beim "Sozialen Bündnis Paderborn"
(lifo)
Mit dem Stichwort "Agenda 2010" verbinden viele den Umbau der bundesdeutschen
Demokratie in Richtung auf eine wirtschaftsliberale Wettbewerbsgesellschaft und
die fortschreitende Aushöhlung sozialer Sicherungssysteme. Doch der "Feldzug
gegen den Sozialstaat" habe eine mittlerweile dreißigjährige Geschichte,
wusste Professor Friedhelm Hengsbach, renommierter katholischer Sozial- und Wirtschaftsethiker,
bei einer Veranstaltung des Paderborner "Sozialen Bündnisses" (aus
DGB, Demokratischer Initiative, Linkem Forum und Arbeitslosenzentrum Paderborn)
zum Thema "Abschied vom Sozialstaat?" zu berichten.
Schon in dem sogenannten "Lambsdorff-Tietmeyer-Papier" von 1982 seien
alle Maßnahmen der Schröderschen Agenda-Politik vorprogrammiert gewesen,
so Hengsbach. In dem Papier wurden seinerzeit die Senkung der Unternehmenssteuern,
die Erhöhung der Mehrwertsteuer, die Deregulierung des Arbeitsmarktes, der
Abbau von Sozialleistungen, Privatisierungen und der Rückzug des Staates
gefordert, um "die Marktkräfte freizusetzen". Seinerzeit eine noch
umstrittene Position, bestimmten die Thesen des damaligen Bundesbankchefs Hermann
Tietmeyer und des FDP-Wirtschaftsministers Otto Graf Lambsdorff heute die sogar
noch weiter radikalisierten Leitlinien der Politik - mit verheerenden sozialen
Folgen.
Anstelle
einer schleichenden Verabschiedung vom Sozialstaat müsse der "Mensch
wieder im Mittelpunkt politischen Handelns" stehen, ist eine zentrale Forderung
Hengsbachs. Nicht weniger als demokratische Beteiligung der Bürgerinnen und
Bürger stünde auf dem Spiel. Voraussetzung realer Demokratie sei, dass
ein handlungsfähiger Staat ein "menschenwürdiges Leben" sichere,
ein "soziokulturelles Minimum, ein gesundes Leben, eine angemessene Wohnung,
Arbeit und Bildung." Die Weichenstellungen des regierungspolitischen Handelns
wiesen jedoch in Richtung auf den weiteren Abbau sozialstaatlicher Leistungen.
Was
tun, um dem politischen Trend entgegenzuwirken? Ähnlich ratlos wie verwandte
Gesellschaftsanalytiker zeigte sich Hengsbach bei zahlreichen Nachfragen aus dem
Publikum zu den Möglichkeiten bürgerschaftlicher Gegenmacht. Hengsbach
verwies auf die notwendige korrigierende Rolle etwa von Sozialverbänden und
Gewerkschaften, betonte jedoch zugleich, dass deren Einflussmöglichkeiten
eher abnähmen, die Neigung, der "Reform"-Politik "immer größere
Zugeständnisse zu machen", dagegen wachse.
Kann
also, wer Sozialstaatlichkeit erhalten will, nur auf späte Einsicht der etablierten
Parteien hoffen? So mancher im Publikum, der sich in sozialen Initiativen vor
Ort engagiert, scheint die Frage für sich schon ganz anders beantwortet zu
haben. |