| |  | Veranstaltung
am Sonntag, 07. Mai 2006:

Vom Adenauer-Staat zur Merkel-Republik
Eine autobiographische Zeitreise 
"Und ich sagte: da kann was nicht stimmen ... Das stimmt doch nicht,
wenn der Regen nach aufwärts fließen soll." (Bert Brecht)
 

| | 
Veranstaltung auf DVD...
|  |
Zur
Veranstaltung: "Opposition ist Mist" - sagte Franz Müntefering
und wurde Vizekanzler in einer Großen Koalition. Von ganz anderen Erfahrungen
mit politischer Opposition erzählt Arno Klönne, der dann gerade den
75. Geburtstag hinter sich hat. - Sein Bericht beginnt mit dem Protest gegen die
Remilitarisierung und geht über die Ostermärsche der Atomwaffengegner
und die Neue Linke bis hin zur aktuellen Auseinandersetzung mit den Sozialdemontierern.
"Paderborner Geschichten" fehlen dabei nicht. Eine politikgeschichtliche
Revue! |  |  |  |

 
Zum
75. Geburtstag von Arno Klönne
Pressebericht in der Neuen Westfälischen vom 04.05.2006:
Zeit für politische Umtriebe Der
Soziologe Arno Klönne feiert seinen 75. Geburtstag und mischt sich immer
noch gerne ein VON
HUBERTUS GÄRTNER, FOTO: REINHARD ROHLF Paderborn. In eine Wolke
blauen Tabakrauch gehüllt, die schwarze Labradorhündin "Marscha"
zu Füßen, sitzt Arno Klönne an seinem Schreibtisch. Er trägt
ein kariertes Hemd, einen gruen Pullover mit V-Ausschnitt und blaue Jeans. Das
Fenster steht halb offen. Draußen jubilieren die Vögel. Das Gras im
Garten leuchtet sattgrün und die ersten Apfelbaumblüten schimmern schon
weiß. 
 

 
Drinnen ist nur
wenig Platz. Viele hundert Bücher stehen in Klönnes Büro. Sie sind
aufgereiht in Regalen aus sehr dunklem Holz. "Globalisierung der Unsicherheit",
"Russland Komplex", "Wörterbuch Soziale Arbeit", so lauten
ein paar Titel. Auf einem großen Stapel liegt, offenbar frisch ausgepackt,
Bettina Röhls "So macht Kommunismus Spaß". Auch
Arno Klönne hat sehr gute Laune. Man sieht es ihm nicht an, dass er heute
75 Jahre alt wird. Wo immer er kann, mischt sich der emeritierte Soziologieprofessor
und streitbare Politologe aus Paderborn noch immer in die politische Alltagsdebatte
ein. Im Wissenschaftsbetrieb kennt ihn nahezu jeder. Klönne hat
selbst zahllose Aufsätze und Bücher geschrieben. Darunter "Klassiker"
wie die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Und auch heute vergeht immer
noch kein Tag, an dem sich der 75-Jährige nach dem Frühstück nicht
an seine alte Schreibmaschine der Marke "Olympia" setzt und dort ein
paar Zeilen hineinhämmert. Zum "globalen Militarismus", beispielsweise,
den Klönne für ein Grundübel dieser Zeit hält, oder den aktuellen
Irankonflikt. Der Jubilar recherchiert meistens im Internet. "Das geht schnell
und eröffnet ungeahnte Möglichkeiten", sagt Klönne. Trotzdem
wirkt der blau-grüne Computer vor ihm ein wenig ungleichzeitig.
Geboren wurde Arno Klönne am 4. Mai 1931 in Bochum. Als Kind erlebte er dort
im Zweiten Weltkrieg die Bombardierungen. Sein Vater und seine Mutter waren Lehrer.
Die Mutter arbeitete in einer katholischen Pfarrbücherei. Schon als kleiner
Bub las Arno Klönne Bücher, die in Nazi-Deutschland auf dem Index standen
und die deshalb in einem abgeschiedenen separaten Raum der Pfarrbücherei
gelagert wurden. Noch während des Krieges zog die Familie nach Hövelhof
im Kreis Paderborn. Arno Klönne besuchte in Paderborn das Gymnasium Theodorianum
und machte dort sein Abitur. Anschließend studierte er in Marburg und Köln
Geschichte, Soziologie und Politik. In Marburg war Wolfgang Abendroth
sein Lehrer. Der berühmt sozialistische Politologe habe ihn mit seiner Unabhängigkeit
"fasziniert", sagt Klönne. Er promovierte nach acht Semestern bei
Abendroth über die Hitlerjugend. Später sollten noch etliche Untersuchungen
zu den Massenorganisationen des Dritten Reichs folgen. Zuznächst arbeitete
Klönne aber fünf Jahre lang als Landesjugendpfleger in Wiesbaden, bevor
er seine Universitätskarriere an den Hochschulen in Münster, Göttingen,
Bielefeld und zuletzt, von 1978 bis 1995, in Paderborn, fortsetzte. In Münster
war Klönne Assistent des berühmten konservativen Soziologen Helmut Schelsky.
"Sehr tolerant" sei dieser gewesen. "Nehmen Sie sich Zeit
für Ihre politischen Umtriebe", mit diesen Worten habe Schelsky ihn
zur Organisation der Ostermärsche aufgefordert, erzählt Klönne.
Er schmunzelt und zieht zur Abwechslung mal nicht an seiner Pfeife, sondern an
einer Filterzigarette. Die schönste Zeit an der Hochschule sei für ihn
die Studentenbwegung gewesen, sagt Klönne. Wenngleich er auch kritisiert,
dass die Protestler bisweilen "reichlich Effekthascherei" und "etwas
zuviel Inszenierung" betrieben hätten. Wolgang Abendroth wurde 1961
aus der SPD ausgeschlossen, weil er sich nicht von Sozialistischen Deutschen Strudentenbund
(SDS) distanzieren wollte. Klönne selbst blieb Jahrzehnte in der
SPD, obwohl ihm dort schon immer vieles nicht gefiel. Im vergangenen Jahr hat
auch er der Partei dann den Rücken gekehrt und ist ausgetreten. Die SPD habe
sich "zu einer Marketing-Agentur ohne innerparteiliche Diskussion" entwickelt,
sagt Klönne. Nun engagiert er sich in der "Demokratischen Initiative
Paderborn" sowie im "Linken Forum" auf lokaler Ebene.
Den Parteien traut Klönne ohnehin kaum noch demokratisches Veränderungspotenzial
zu. Fragt man den Jubilar danach, welches heutzutage die Hauptrichtungen des politischen
Engagements sein sollten, so antwortet er in ein paar komprimierten Sätzen.
Zunächst sei es wichtig, gegen das anzugehen, "was sozialpolitisch läuft".
Hartz IV zum Beispiel. "Wenn die Leute ständig gegängelt und gedrückt
werden, dann kann sich keine Kreativität entwickeln", sagt Klönne.
Zweitens gelte es, gegen die "weltweite Militärpolitik" zu protestieren.
Drittens müsse das demokratische Leben wieder in Gang gesetzt werden.
Bürgerbegehren, Volksentscheide seien "taugliche Mittel, um die
erstarrten Parteien durcheinander zu bringen". Der Kapitalismus "zeigt
sich mit aller seiner Energie", sagt Klönne. Die Zustände würden
"nicht nur für Minderheiten", sondern für immer mehr Menschen
zum Ärgernis. "Da lässt sich vieles tun, auch neu beginnen".
© Neue
Westfälische, 04.05.2006; erschienen auch in der taz,
04.05.2006 
 |
| | | |
Artikel in der "jungen Welt" vom 04.05.2006:
Ein zorniger alter Mann Der Politikwissenschaftler
und engagierte Intellektuelle Arno Klönne wird heute 75 VON
CHRISTOPH JÜNKE Am Beginn meines Studiums veranstaltete die Kölner
Volkshochschule Mitte der 80er Jahre eine Vortragsreihe, bei der sich linke und
linksliberale Intellektuelle vom Kaliber eines Bernt Engelmann ein Stelldichein
gaben und gegen den reaktionären Zeitgeist der beginnenden Kohl-Ära
wetterten. Der Titel dieser Reihe war Programm und hat sich mir unauslöschlich
eingebrannt: »Zornige alte Männer«. Damals war Arno Klönne
noch ein gleichsam junger Kerl. Doch wie viele seiner Generation aus der Neuen
Linken der 60er und 70er Jahre zog sich der seit langem im ostwestfälischen
Paderborn lebende Klönne gerade in die Wissenschaft zurück. Ende der
90er Jahre war er allerdings wieder da: Ein zorniger alter Mann, der soeben emeritiert
worden war und sich nun zum scharfen Kritiker jener »sieben verlorenen rot-grünen
Jahre« machte, die den politischen Bankrott einer ganzen Generation zum
Ausdruck gebracht haben. Der
gestandene Historiker der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung sowie der Jugendbewegungen
des 20.Jahrhunderts, in den 60er Jahren einer der führenden Denker und Lenker
der Ostermarschbewegung und in den 70ern einer der führenden Denker und Lenker
des Sozialistischen Büros, veröffentlichte nun Bücher über
den neuen US-amerikanischen Imperialismus, die Kriminalgeschichte des Kapitalismus
und die Konturen programmatischer Alternativen zur Agenda 2010. Und er betätigte
sich mit vielen Freunden und Weggefährten an der Gründung und Ausgestaltung
der kleinen Zweiwochenzeitschrift Ossietzky, mit der sich viele andere alte zornige
Männer und auch manche zornige Frauen seit einigen Jahren ins politisch-öffentliche
Gespräch bringen. Vorbildlich
hat Arno Klönne seitdem die großen Linien der deutschen Politik analysiert,
jene unheilige Trias von Enttabuisierung des Militärischen nach außen,
von neoliberalem Sozialdarwinismus nach innen und der mit beidem aufs engste verbundenen
schleichenden Entdemokratisierung eines vermeintlich sozialen und demokratischen
Rechtsstaates. Unvergessen, wie er (nicht nur, aber zumeist in Ossietzky) die
entdemokratisierenden und entpolitisierenden Mechanismen der Mediendemokratie
aufgezeigt und die Transformation der großen etablierten Parteien, vor allem
natürlich der sozialdemokratischen, zum verfassungswidrigen Kanzlerwahlverein
aufs Korn genommen hat. Unvergessen und aktuell aber auch, wie er die linken Illusionen
in den herrschenden Parlamentsbetrieb entlarvt hat so etwa Anfang 2002,
als er an Petra Paus Kommentaren zur »rot-roten« Senatsbildung in
Berlin aufzeigte, wie sich hier eine Logik Bahn bricht, der es einzig noch darum
gehe, »regierend ein paar Krumen vom Tisch der Mächtigen abzubekommen«.
Wie kein anderer
verbindet Arno Klönne diese Analyse der großen Linien der deutschen
Politik auch mit dem praktischen Engagement eines souverän über den
Strömungen der deutschen Linken stehenden Propagandisten eines neuen linken
Aufbruchs. Sei es bei noch übriggebliebenen linken Sozialdemokraten oder
bei der DKP, sei es bei der WASG oder in den linken Kleingruppen und Zeitschriftenprojekten,
bei Linksruck oder in der SoZ, bei der jungen Welt, dem ND oder im Freitag, überall
ist Klönne ein gern gesehener Autor, und überall mischt er sich mit
kritischen Leserbriefen ein. In der kleinen SoZ hat er gar vor einem Jahr einen
Aufruf »für eine kommunikative Linke« und ein damit zusammenhängendes
neues strömungsübergreifendes Zeitschriftenprojekt lanciert. Überschätzt
hat er dabei jedoch nicht nur die Kraft der allzu kleinen und isolierten SoZ,
eine solche Idee ernsthaft anzugehen. Unterschätzt hat er mehr noch die Beharrungskräfte
der nun schon recht alt gewordenen »Neuen Linken«. Doch sein Plädoyer,
Selbstabschottung und Konventionalismus der systemkritischen Linken zu überwinden,
ist, wie er selbst sagt, auf längere Sicht gedacht. In
einem Gedenkartikel zum 100.Geburtstag von Wolfgang Abendroth hat Klönne
vor wenigen Tagen dessen politisch-intellektuellen Charakter gepriesen: Abendroth
sei ein linker Politikanalytiker in der Tradition der klassischen Arbeiter- und
Gewerkschaftsbewegung gewesen, der die Entschiedenheit in der (antikapitalistisch-sozialistischen)
Sache mit einem freundlichen Umgang ebenso mischte wie die Schärfe des politischen
Geistes mit der Ablehnung jeder Effekthascherei. Abendroth habe Theorie und Praxis
nicht auseinandergerissen und politische Wirksamkeit in Gewerkschaften, Parteien
und sozialen Bewegungen mit der Mitarbeit in publizistischen Projekten und
linken Kleingruppen verbunden. Zudem habe er beschränkte Sichtweisen ebenso
kritisiert wie Scheinradikalitäten, weil er die Bürokratisierung linker
Organisationsformen ebenso überwinden wollte wie die rechthaberische Isolation
im gesellschaftlichen Gegen-Ghetto. Ein
solcher Politikanalytiker, so Klönne, sei der deutschen Linken zu wünschen
»leider gibt es ihn nicht«. Das ist nicht ganz richtig: Wir
haben ja Arno Klönne. Und der feiert heute seinen 75.Geburtstag.
© junge Welt, 04.05.2006
Artikel in der Zeitschrift "Sozialismus" vom 04.05.2006:
"Glaubt nicht, was ihr nicht selbst
erkannt" Arno Klönne mit 75 weiter "Gegen
den Strom" von Jörg Wollenberg Am 4. Mai 2006
begeht Arno Klönne seinen 75 Geburtstag. Als einer der wichtigsten Repräsentanten
der außerparlamentarischen Bewegungen verkörpert Arno Klönne seit
den 50er Jahren des 20 Jahrhunderts den Typus des intellektuellen Grenzgängers,
der auf der Suche nach Akzeptanz und Gestaltungsmöglichkeiten im gespaltenen
linken Lager immer wieder auf ein modernes Politikkonzept setzt; ein Konzept,
das aus den Fehlern der Vergangenheit lernt, jeden modischen "postmodernen"
Diskurs ablehnt und davor warnt, "aus dem Schatten Hitlers" zu treten
und sich der "deutsche Normalität" anpassen zu können.
Als Jugendlicher
noch geprägt von den kriegsgegnerischen Jugendgruppen der bündischen
und konfessionellen Szene wurde Arno Klönne in den sechziger Jahren einer
der Sprecher der Ostermarschbewegung. Durch die Unterstützung von Arbeiterjugendverbänden,
von Kirchen- und Gewerkschaftsvertretern, von Künstlern und Pädagogen
entwickelte sich diese Bewegung zu einem antimilitaristischen Protest, zu einer
von Partei- und Gewerkschaftsvorständen unabhängigen Kampagne für
Abrüstung. Sie bezog den Protest gegen den Vietnamkrieg ebenso ein wie die
Opposition gegen die Notstandsgesetze und das Medienmonopol der Springerpresse,
später auch die eskalierende Gewalt und die Kriege im Nahen Osten, in Jugoslawien
und im Irak. Die
politischen Alternativen wurden aus eigener Kraft und durch die intensive Pressearbeit
von Arno Klönne über die von ihm mitbegründeten Zeitschriften wie
die "pläne" in die Öffentlichkeit gebracht, eine 1964 gegründete
Gesellschaft, die sich auf die bündische Zeitschrift "pläne"
bezog, die von den Nazis verboten wurde. Oder auf "links", dem Organ
des "Sozialistischen Büros". Und auf "Studien zu Zeitfragen"
bis hin zu "Sozialistische Politik" und "Ossietzky". Aber
auch die bürgerlichen Tages- und Wochenzeitungen gaben dem freien Journalisten
immer wieder die Möglichkeit zur redaktionellen Mitarbeit, von der Flut seiner
Leserbriefe einmal ganz abgesehen. Das
durch sein nie nachlassendes Engagement geprägte unabhängige Bündnis
von Jugend-, Arbeiter- und Friedensbewegung machte ihn zu einer der Schlüsselfiguren,
die die Traditionen des unabhängigen Linkssozialismus in dürren Zeiten
aufrecht erhielten und bis heute gelegentlich praktisch werden lassen. Dabei half
ihm seine unendliche Geduld, seine Hilfsbereitschaft, sein profundes Wissen, seine
durch eine langjährige historisch-politische Bildungsarbeit erworbene praktische
Erfahrung in der Arbeiter- und Friedensbewegung. Keine politische Gruppe, keine
Bildungsstätte, kein Ort linken Aufbruchs in der (west)deutschen Republik,
die der äußerst bescheidene, anspruchslose und bar jeglichen professoralen
Hochmuts ausgestattete Arno Klönne in den letzten Jahrzehnten nicht aufgesucht
hätte, trotz aller gesundheitlicher Einschränkungen. Und
immer wieder faszinierte er dabei durch die Fähigkeit, über schwierige
historische, aktuelle oder theoretische Probleme aus dem Stand oder gut vorbereitet
zu referieren. Dass er dabei seine Pflichten als Hochschullehrer in Göttingen,
Bielefeld, Münster und Paderborn nicht vernachlässigte, muss nicht besonders
hervorgehoben werden, zumal dann, wenn man die Unzahl an Diplomarbeiten und Promotionen
berücksichtigt, die von ihm betreut wurden. Als vorzüglicher Pädagogen
und brillanter Redner faszinierte er auch in seinen Universitätsseminaren.
Und vergessen wir nicht darauf hinzuweisen: Er blieb stets auch ein liebevoller,
zuverlässiger Familienvater für seine vier Kinder und seine nicht minder
engagierte Lebensgefährtin. Trotz
aller Enttäuschungen über politische Erwartungen im Rahmen der SPD,
die er aus Protest gegen den Angriff auf den Sozialstaat unter Kanzler Schröder
2004 verließ, und bei der nie nachlassenden Kritik am Stalinismus und "Staatssozialismus"
stand für Arno Klönne ein Wechsel ins antikommunistische Lager nie zur
Diskussion. Und das dürfte auch biografische Gründe haben. Denn er gehört
zu einer Generation, für die der Krieg und die NS-Verbrechen, vor allem auch
die Hoffnung auf ein "anderes Deutschland", auf eine sozialistische
Republik, noch unmittelbar erfahrbar waren und die nach 1945 von der älteren
Generation um Wolfgang Abendroth geprägt wurden, ein Antifaschist und marxistisch
geprägter Intellektueller, der am 2. Mai 1906 (vor 100 Jahren) in Elberfeld
zur Welt kam. Schon
in seinem Geburtsjahr 1931 stoßen wir auf die Politikfelder, die später
zu den zentralen Themen von Arno Klönne werden und die schon seinen Doktorvater
Wolfgang Abendroth beeinflusst hatten. Da ist zunächst die Spaltung der Sozialdemokratie,
für die sich beide nach 1945 als Mitglieder entscheiden sollten. Die sozialdemokratische
Linke wurde aus der SPD ausgeschlossen und gründete sich am 4. Oktober 1931
neu als SAPD. Ihr Zentralorgan, die SAZ unter Leitung von August Enderle und Walter
Fabian, blieb für Arno Klönne eine Orientierungshilfe für seinen
Lieblingsberuf, den er bislang nur temporär realisieren konnte: Die Tätigkeit
des Chefredakteurs einer neuen Wochenzeitung für die deutschsprachige selbstkritische
Linke. Im
gleichen Jahr stellte sich die Überlebensfrage für die Weimarer Republik
angesichts der ökonomischen Krise mit sechs Millionen Arbeitslosen und dem
Abbau des Sozialstaates. Wie hatte die gespaltene Arbeiterbewegung den heraufkommenden
Faschismus theoretisch und praktisch einzuschätzen? In August Thalheimers
Faschismusanalyse, die 1930 in "Gegen den Strom", der Zeitschrift der
KPDO, erschien, wurde der Aufstieg der faschistischen Massenbewegung vor ihrer
Eroberung der Regierungsgewalt als eine Diktatur der monopolkapitalistischen Gesellschaftsordnung
dargestellt, die gestützt auf breite, der Mentalität nach kleinbürgerliche
Massenbewegungen aus einer ökonomischen Krise hervorgehen und deren Aufstieg
zur Macht nur durch eine machtvolle Einheitsfront der Arbeiterbewegung zu verhindern
ist. Diese
Theorie beeinflusste die historisch-politischen Analysen der Marburger Abendroth-Schule
nach 1945, auch die von Arno Klönne, einem der ersten Schüler von Abendroth,
der bei ihm 1955 mit einer Arbeit über die "Hitlerjugend. Die Jugend
und ihre Organisation im Dritten Reich" promovierte. Es ist sicher kein Zufall,
wenn Arno Klönne das publizistische Ergebnis seines wissenschaftlichen Forschungsauftrages,
den der Hessische Jugendring an Abendroths Institut vergeben hatte, 1960 unter
dem Titel veröffentlichte: "Gegen den Strom. Ein Bericht über die
Jugendopposition im Dritten Reich". Aus beiden Büchern entstand das
Standardwerk "Jugend im Dritten Reich. Die Hitler-Jugend und ihre Gegner",
das seit 1982 immer wieder neu aufgelegt wurde und Arno Klönne als international
hoch geschätzten Kenner der Faschismus-Forschung ausweist. Der
Streit um das Versagen der deutschen Arbeiterbewegung von 1933 und die Auseinandersetzungen
um die Marburger "Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung" von
Frank Deppe, Georg Fülberth und Jürgen Harrer veranlasste Arno Klönne,
ein weiteres Standardwerk vorzulegen: "Die deutsche Arbeiterbewegung. Geschichte
Ziele Wirkungen" (1980), eine bis dahin unübertroffene
Gesamtgeschichte der deutschen Arbeiterbewegung als Sozialgeschichte, ergänzt
1984 um eine "Kurze Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung".
Hier begründete er die These: "Das Jahr 1933 markiert die äußere
Niederlage der Arbeiterbewegung in Deutschland; dem ging eine sozusagen innere
Niederlage der traditionellen Formationen von Arbeiterbewegung voraus, die sich,
will man sie im Ereignis fassen, auf das Jahr 1914 datieren lässt".
Diese Niederlage
interpretiert Arno Klönne als Folge der falschen Hinwendung zur deutsche
Frage und der Vernachlässigung der friedenspolitischen und internationalen
Verpflichtungen. In der 1984 vorgelegten Streitschrift "Zurück zur Nation?
Kontroversen zu deutschen Fragen" aktualisiert er dieses Problemfeld, indem
er die Auseinandersetzung mit linken Gruppierungen in die Gegenwart transportiert.
Wie einst 1914, 1933 oder1945 gehen Teile der Linken nicht erst seit 1989 wieder
einmal davon aus, über die "nationale Frage" die gesellschaftlichen
Verhältnisse zugunsten der Linken "zum Tanzen zu bringen". Und
weil sich gegensätzliche Strömungen wie "Neue Rechte" und
"Neue soziale Bewegungen" in ihrer Kritik am Aufklärungsdenken,
im Klagen über den so genannten Identitätsverlust treffen, sieht er
darin die Risiken eines Denkens, das die politische Kultur der Bundesrepublik
in "ideologische Rutschgefahren" versetzt, die dazu führen, dass
die BRD erneut von ihrer Vergangenheit eingeholt wird. Diese
Gefahren haben Arno Klönne in den letzten Jahren immer mehr dazu gezwungen,
den roten Faden der Geschichte des Kapitalismus als "Kriminalgeschichte"
zu thematisieren und die Abbrucharbeiten am Sozialstaat in aktuelle Politikfelder,
vor allem in die schwierigen, meist vom Scheitern bedrohten Inkubationsphasen
der Konstitution einer Neuen Linken einzubringen. Bei allem unermüdlichen
Engagement bleibt nur zu hoffen, dass Arno an seinem 75 Geburtstag wenigstens
abends einmal wieder Zeit findet, zu seiner Balalaika zu greifen. Aber was wird
der jugendbewegte Dauerraucher singen? "Dem Morgenrot entgegen...",
das alte Lied der Arbeiterjugend aus besseren Zeiten? Oder "Verlasst die
Tempel fremder Götter, glaubt nicht, was ihr nicht selbst erkannt...",
das Bundeslied der dj.1.11, der deutschen jungenschaft von tusk, dem Deutschen
(Eberhard Koebel), aus dem Widerstandskampf gegen das Hitler-Regime? Jörg
Wollenberg, geb. 1937 in Ahrensbök/Ostholstein. Seit 1978 Professor für
Weiterbildung mit dem Schwerpunkt politische Bildung an der Universität Bremen
bis zum Ruhestand am 1. Mai 2002; Mitglied der IG Metall und der GEW. Von
ihm erschien zuletzt: "Pergamonaltar und Arbeiterbildung. 'Linie Luxemburg-Gramsci
Voraussetzung: Aufklärung der historischen Fehler' (Peter Weiss)",
Supplement der Zeitschrift Sozialismus 5 / 2005 ©
"Sozialismus", 04.05.2006 | |