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 Veranstaltung am Sonntag, 07. Mai 2006:

Vom Adenauer-Staat zur Merkel-Republik

Eine autobiographische Zeitreise

"Und ich sagte: da kann was nicht stimmen ... Das stimmt doch nicht, wenn der Regen nach aufwärts fließen soll." (Bert Brecht)


 

mit
Arno Klönne
(Berichterstatter)
Ulrich Gausmann
(Moderation)
Eckhard Radau
(Gesang)
Wann? 17:00 Uhr Wo? Kulturwerkstatt, Cafeteria,
Bahnhofstr. 64 in Paderborn
Eintritt: frei
 


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Zur Veranstaltung:
"Opposition ist Mist" - sagte Franz Müntefering und wurde Vizekanzler in einer Großen Koalition. Von ganz anderen Erfahrungen mit politischer Opposition erzählt Arno Klönne, der dann gerade den 75. Geburtstag hinter sich hat. - Sein Bericht beginnt mit dem Protest gegen die Remilitarisierung und geht über die Ostermärsche der Atomwaffengegner und die Neue Linke bis hin zur aktuellen Auseinandersetzung mit den Sozialdemontierern. "Paderborner Geschichten" fehlen dabei nicht. Eine politikgeschichtliche Revue!



Zum 75. Geburtstag von Arno Klönne

Pressebericht in der Neuen Westfälischen vom 04.05.2006:

Zeit für politische Umtriebe

Der Soziologe Arno Klönne feiert seinen 75. Geburtstag und mischt sich immer noch gerne ein

VON HUBERTUS GÄRTNER, FOTO: REINHARD ROHLF

Paderborn. In eine Wolke blauen Tabakrauch gehüllt, die schwarze Labradorhündin "Marscha" zu Füßen, sitzt Arno Klönne an seinem Schreibtisch. Er trägt ein kariertes Hemd, einen gruen Pullover mit V-Ausschnitt und blaue Jeans. Das Fenster steht halb offen. Draußen jubilieren die Vögel. Das Gras im Garten leuchtet sattgrün und die ersten Apfelbaumblüten schimmern schon weiß.






Drinnen ist nur wenig Platz. Viele hundert Bücher stehen in Klönnes Büro. Sie sind aufgereiht in Regalen aus sehr dunklem Holz. "Globalisierung der Unsicherheit", "Russland Komplex", "Wörterbuch Soziale Arbeit", so lauten ein paar Titel. Auf einem großen Stapel liegt, offenbar frisch ausgepackt, Bettina Röhls "So macht Kommunismus Spaß".

Auch Arno Klönne hat sehr gute Laune. Man sieht es ihm nicht an, dass er heute 75 Jahre alt wird. Wo immer er kann, mischt sich der emeritierte Soziologieprofessor und streitbare Politologe aus Paderborn noch immer in die politische Alltagsdebatte ein. Im Wissenschaftsbetrieb kennt ihn nahezu jeder.

Klönne hat selbst zahllose Aufsätze und Bücher geschrieben. Darunter "Klassiker" wie die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Und auch heute vergeht immer noch kein Tag, an dem sich der 75-Jährige nach dem Frühstück nicht an seine alte Schreibmaschine der Marke "Olympia" setzt und dort ein paar Zeilen hineinhämmert. Zum "globalen Militarismus", beispielsweise, den Klönne für ein Grundübel dieser Zeit hält, oder den aktuellen Irankonflikt. Der Jubilar recherchiert meistens im Internet. "Das geht schnell und eröffnet ungeahnte Möglichkeiten", sagt Klönne. Trotzdem wirkt der blau-grüne Computer vor ihm ein wenig ungleichzeitig.

Geboren wurde Arno Klönne am 4. Mai 1931 in Bochum. Als Kind erlebte er dort im Zweiten Weltkrieg die Bombardierungen. Sein Vater und seine Mutter waren Lehrer. Die Mutter arbeitete in einer katholischen Pfarrbücherei. Schon als kleiner Bub las Arno Klönne Bücher, die in Nazi-Deutschland auf dem Index standen und die deshalb in einem abgeschiedenen separaten Raum der Pfarrbücherei gelagert wurden. Noch während des Krieges zog die Familie nach Hövelhof im Kreis Paderborn. Arno Klönne besuchte in Paderborn das Gymnasium Theodorianum und machte dort sein Abitur. Anschließend studierte er in Marburg und Köln Geschichte, Soziologie und Politik.

In Marburg war Wolfgang Abendroth sein Lehrer. Der berühmt sozialistische Politologe habe ihn mit seiner Unabhängigkeit "fasziniert", sagt Klönne. Er promovierte nach acht Semestern bei Abendroth über die Hitlerjugend. Später sollten noch etliche Untersuchungen zu den Massenorganisationen des Dritten Reichs folgen. Zuznächst arbeitete Klönne aber fünf Jahre lang als Landesjugendpfleger in Wiesbaden, bevor er seine Universitätskarriere an den Hochschulen in Münster, Göttingen, Bielefeld und zuletzt, von 1978 bis 1995, in Paderborn, fortsetzte. In Münster war Klönne Assistent des berühmten konservativen Soziologen Helmut Schelsky. "Sehr tolerant" sei dieser gewesen.

"Nehmen Sie sich Zeit für Ihre politischen Umtriebe", mit diesen Worten habe Schelsky ihn zur Organisation der Ostermärsche aufgefordert, erzählt Klönne. Er schmunzelt und zieht zur Abwechslung mal nicht an seiner Pfeife, sondern an einer Filterzigarette. Die schönste Zeit an der Hochschule sei für ihn die Studentenbwegung gewesen, sagt Klönne. Wenngleich er auch kritisiert, dass die Protestler bisweilen "reichlich Effekthascherei" und "etwas zuviel Inszenierung" betrieben hätten. Wolgang Abendroth wurde 1961 aus der SPD ausgeschlossen, weil er sich nicht von Sozialistischen Deutschen Strudentenbund (SDS) distanzieren wollte.

Klönne selbst blieb Jahrzehnte in der SPD, obwohl ihm dort schon immer vieles nicht gefiel. Im vergangenen Jahr hat auch er der Partei dann den Rücken gekehrt und ist ausgetreten. Die SPD habe sich "zu einer Marketing-Agentur ohne innerparteiliche Diskussion" entwickelt, sagt Klönne. Nun engagiert er sich in der "Demokratischen Initiative Paderborn" sowie im "Linken Forum" auf lokaler Ebene.

Den Parteien traut Klönne ohnehin kaum noch demokratisches Veränderungspotenzial zu. Fragt man den Jubilar danach, welches heutzutage die Hauptrichtungen des politischen Engagements sein sollten, so antwortet er in ein paar komprimierten Sätzen. Zunächst sei es wichtig, gegen das anzugehen, "was sozialpolitisch läuft". Hartz IV zum Beispiel. "Wenn die Leute ständig gegängelt und gedrückt werden, dann kann sich keine Kreativität entwickeln", sagt Klönne. Zweitens gelte es, gegen die "weltweite Militärpolitik" zu protestieren. Drittens müsse das demokratische Leben wieder in Gang gesetzt werden.

Bürgerbegehren, Volksentscheide seien "taugliche Mittel, um die erstarrten Parteien durcheinander zu bringen". Der Kapitalismus "zeigt sich mit aller seiner Energie", sagt Klönne. Die Zustände würden "nicht nur für Minderheiten", sondern für immer mehr Menschen zum Ärgernis. "Da lässt sich vieles tun, auch neu beginnen".


© Neue Westfälische, 04.05.2006; erschienen auch in der taz, 04.05.2006

 
Artikel in der "jungen Welt" vom 04.05.2006:

Ein zorniger alter Mann

Der Politikwissenschaftler und engagierte Intellektuelle Arno Klönne wird heute 75

VON CHRISTOPH JÜNKE

Am Beginn meines Studiums veranstaltete die Kölner Volkshochschule Mitte der 80er Jahre eine Vortragsreihe, bei der sich linke und linksliberale Intellektuelle vom Kaliber eines Bernt Engelmann ein Stelldichein gaben und gegen den reaktionären Zeitgeist der beginnenden Kohl-Ära wetterten. Der Titel dieser Reihe war Programm und hat sich mir unauslöschlich eingebrannt: »Zornige alte Männer«. Damals war Arno Klönne noch ein gleichsam junger Kerl. Doch wie viele seiner Generation aus der Neuen Linken der 60er und 70er Jahre zog sich der seit langem im ostwestfälischen Paderborn lebende Klönne gerade in die Wissenschaft zurück. Ende der 90er Jahre war er allerdings wieder da: Ein zorniger alter Mann, der soeben emeritiert worden war und sich nun zum scharfen Kritiker jener »sieben verlorenen ›rot-grünen‹ Jahre« machte, die den politischen Bankrott einer ganzen Generation zum Ausdruck gebracht haben.

Der gestandene Historiker der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung sowie der Jugendbewegungen des 20.Jahrhunderts, in den 60er Jahren einer der führenden Denker und Lenker der Ostermarschbewegung und in den 70ern einer der führenden Denker und Lenker des Sozialistischen Büros, veröffentlichte nun Bücher über den neuen US-amerikanischen Imperialismus, die Kriminalgeschichte des Kapitalismus und die Konturen programmatischer Alternativen zur Agenda 2010. Und er betätigte sich mit vielen Freunden und Weggefährten an der Gründung und Ausgestaltung der kleinen Zweiwochenzeitschrift Ossietzky, mit der sich viele andere alte zornige Männer und auch manche zornige Frauen seit einigen Jahren ins politisch-öffentliche Gespräch bringen.

Vorbildlich hat Arno Klönne seitdem die großen Linien der deutschen Politik analysiert, jene unheilige Trias von Enttabuisierung des Militärischen nach außen, von neoliberalem Sozialdarwinismus nach innen und der mit beidem aufs engste verbundenen schleichenden Entdemokratisierung eines vermeintlich sozialen und demokratischen Rechtsstaates. Unvergessen, wie er (nicht nur, aber zumeist in Ossietzky) die entdemokratisierenden und entpolitisierenden Mechanismen der Mediendemokratie aufgezeigt und die Transformation der großen etablierten Parteien, vor allem natürlich der sozialdemokratischen, zum verfassungswidrigen Kanzlerwahlverein aufs Korn genommen hat. Unvergessen und aktuell aber auch, wie er die linken Illusionen in den herrschenden Parlamentsbetrieb entlarvt hat – so etwa Anfang 2002, als er an Petra Paus Kommentaren zur »rot-roten« Senatsbildung in Berlin aufzeigte, wie sich hier eine Logik Bahn bricht, der es einzig noch darum gehe, »regierend ein paar Krumen vom Tisch der Mächtigen abzubekommen«.

Wie kein anderer verbindet Arno Klönne diese Analyse der großen Linien der deutschen Politik auch mit dem praktischen Engagement eines souverän über den Strömungen der deutschen Linken stehenden Propagandisten eines neuen linken Aufbruchs. Sei es bei noch übriggebliebenen linken Sozialdemokraten oder bei der DKP, sei es bei der WASG oder in den linken Kleingruppen und Zeitschriftenprojekten, bei Linksruck oder in der SoZ, bei der jungen Welt, dem ND oder im Freitag, überall ist Klönne ein gern gesehener Autor, und überall mischt er sich mit kritischen Leserbriefen ein. In der kleinen SoZ hat er gar vor einem Jahr einen Aufruf »für eine kommunikative Linke« und ein damit zusammenhängendes neues strömungsübergreifendes Zeitschriftenprojekt lanciert. Überschätzt hat er dabei jedoch nicht nur die Kraft der allzu kleinen und isolierten SoZ, eine solche Idee ernsthaft anzugehen. Unterschätzt hat er mehr noch die Beharrungskräfte der nun schon recht alt gewordenen »Neuen Linken«. Doch sein Plädoyer, Selbstabschottung und Konventionalismus der systemkritischen Linken zu überwinden, ist, wie er selbst sagt, auf längere Sicht gedacht.

In einem Gedenkartikel zum 100.Geburtstag von Wolfgang Abendroth hat Klönne vor wenigen Tagen dessen politisch-intellektuellen Charakter gepriesen: Abendroth sei ein linker Politikanalytiker in der Tradition der klassischen Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung gewesen, der die Entschiedenheit in der (antikapitalistisch-sozialistischen) Sache mit einem freundlichen Umgang ebenso mischte wie die Schärfe des politischen Geistes mit der Ablehnung jeder Effekthascherei. Abendroth habe Theorie und Praxis nicht auseinandergerissen und politische Wirksamkeit in Gewerkschaften, Parteien und so­zialen Bewegungen mit der Mitarbeit in publizistischen Projekten und linken Kleingruppen verbunden. Zudem habe er beschränkte Sichtweisen ebenso kritisiert wie Scheinradikalitäten, weil er die Bürokratisierung linker Organisationsformen ebenso überwinden wollte wie die rechthaberische Isolation im gesellschaftlichen Gegen-Ghetto.

Ein solcher Politikanalytiker, so Klönne, sei der deutschen Linken zu wünschen – »leider gibt es ihn nicht«. Das ist nicht ganz richtig: Wir haben ja Arno Klönne. Und der feiert heute seinen 75.Geburtstag.

© junge Welt, 04.05.2006

 

Artikel in der Zeitschrift "Sozialismus" vom 04.05.2006:

"Glaubt nicht, was ihr nicht selbst erkannt"


Arno Klönne mit 75 weiter "Gegen den Strom"

von Jörg Wollenberg

Am 4. Mai 2006 begeht Arno Klönne seinen 75 Geburtstag. Als einer der wichtigsten Repräsentanten der außerparlamentarischen Bewegungen verkörpert Arno Klönne seit den 50er Jahren des 20 Jahrhunderts den Typus des intellektuellen Grenzgängers, der auf der Suche nach Akzeptanz und Gestaltungsmöglichkeiten im gespaltenen linken Lager immer wieder auf ein modernes Politikkonzept setzt; ein Konzept, das aus den Fehlern der Vergangenheit lernt, jeden modischen "postmodernen" Diskurs ablehnt und davor warnt, "aus dem Schatten Hitlers" zu treten und sich der "deutsche Normalität" anpassen zu können.

Als Jugendlicher noch geprägt von den kriegsgegnerischen Jugendgruppen der bündischen und konfessionellen Szene wurde Arno Klönne in den sechziger Jahren einer der Sprecher der Ostermarschbewegung. Durch die Unterstützung von Arbeiterjugendverbänden, von Kirchen- und Gewerkschaftsvertretern, von Künstlern und Pädagogen entwickelte sich diese Bewegung zu einem antimilitaristischen Protest, zu einer von Partei- und Gewerkschaftsvorständen unabhängigen Kampagne für Abrüstung. Sie bezog den Protest gegen den Vietnamkrieg ebenso ein wie die Opposition gegen die Notstandsgesetze und das Medienmonopol der Springerpresse, später auch die eskalierende Gewalt und die Kriege im Nahen Osten, in Jugoslawien und im Irak.

Die politischen Alternativen wurden aus eigener Kraft und durch die intensive Pressearbeit von Arno Klönne über die von ihm mitbegründeten Zeitschriften wie die "pläne" in die Öffentlichkeit gebracht, eine 1964 gegründete Gesellschaft, die sich auf die bündische Zeitschrift "pläne" bezog, die von den Nazis verboten wurde. Oder auf "links", dem Organ des "Sozialistischen Büros". Und auf "Studien zu Zeitfragen" bis hin zu "Sozialistische Politik" und "Ossietzky". Aber auch die bürgerlichen Tages- und Wochenzeitungen gaben dem freien Journalisten immer wieder die Möglichkeit zur redaktionellen Mitarbeit, von der Flut seiner Leserbriefe einmal ganz abgesehen.

Das durch sein nie nachlassendes Engagement geprägte unabhängige Bündnis von Jugend-, Arbeiter- und Friedensbewegung machte ihn zu einer der Schlüsselfiguren, die die Traditionen des unabhängigen Linkssozialismus in dürren Zeiten aufrecht erhielten und bis heute gelegentlich praktisch werden lassen. Dabei half ihm seine unendliche Geduld, seine Hilfsbereitschaft, sein profundes Wissen, seine durch eine langjährige historisch-politische Bildungsarbeit erworbene praktische Erfahrung in der Arbeiter- und Friedensbewegung. Keine politische Gruppe, keine Bildungsstätte, kein Ort linken Aufbruchs in der (west)deutschen Republik, die der äußerst bescheidene, anspruchslose und bar jeglichen professoralen Hochmuts ausgestattete Arno Klönne in den letzten Jahrzehnten nicht aufgesucht hätte, trotz aller gesundheitlicher Einschränkungen.

Und immer wieder faszinierte er dabei durch die Fähigkeit, über schwierige historische, aktuelle oder theoretische Probleme aus dem Stand oder gut vorbereitet zu referieren. Dass er dabei seine Pflichten als Hochschullehrer in Göttingen, Bielefeld, Münster und Paderborn nicht vernachlässigte, muss nicht besonders hervorgehoben werden, zumal dann, wenn man die Unzahl an Diplomarbeiten und Promotionen berücksichtigt, die von ihm betreut wurden. Als vorzüglicher Pädagogen und brillanter Redner faszinierte er auch in seinen Universitätsseminaren. Und vergessen wir nicht darauf hinzuweisen: Er blieb stets auch ein liebevoller, zuverlässiger Familienvater für seine vier Kinder und seine nicht minder engagierte Lebensgefährtin.

Trotz aller Enttäuschungen über politische Erwartungen im Rahmen der SPD, die er aus Protest gegen den Angriff auf den Sozialstaat unter Kanzler Schröder 2004 verließ, und bei der nie nachlassenden Kritik am Stalinismus und "Staatssozialismus" stand für Arno Klönne ein Wechsel ins antikommunistische Lager nie zur Diskussion. Und das dürfte auch biografische Gründe haben. Denn er gehört zu einer Generation, für die der Krieg und die NS-Verbrechen, vor allem auch die Hoffnung auf ein "anderes Deutschland", auf eine sozialistische Republik, noch unmittelbar erfahrbar waren und die nach 1945 von der älteren Generation um Wolfgang Abendroth geprägt wurden, ein Antifaschist und marxistisch geprägter Intellektueller, der am 2. Mai 1906 (vor 100 Jahren) in Elberfeld zur Welt kam.

Schon in seinem Geburtsjahr 1931 stoßen wir auf die Politikfelder, die später zu den zentralen Themen von Arno Klönne werden und die schon seinen Doktorvater Wolfgang Abendroth beeinflusst hatten. Da ist zunächst die Spaltung der Sozialdemokratie, für die sich beide nach 1945 als Mitglieder entscheiden sollten. Die sozialdemokratische Linke wurde aus der SPD ausgeschlossen und gründete sich am 4. Oktober 1931 neu als SAPD. Ihr Zentralorgan, die SAZ unter Leitung von August Enderle und Walter Fabian, blieb für Arno Klönne eine Orientierungshilfe für seinen Lieblingsberuf, den er bislang nur temporär realisieren konnte: Die Tätigkeit des Chefredakteurs einer neuen Wochenzeitung für die deutschsprachige selbstkritische Linke.

Im gleichen Jahr stellte sich die Überlebensfrage für die Weimarer Republik angesichts der ökonomischen Krise mit sechs Millionen Arbeitslosen und dem Abbau des Sozialstaates. Wie hatte die gespaltene Arbeiterbewegung den heraufkommenden Faschismus theoretisch und praktisch einzuschätzen? In August Thalheimers Faschismusanalyse, die 1930 in "Gegen den Strom", der Zeitschrift der KPDO, erschien, wurde der Aufstieg der faschistischen Massenbewegung vor ihrer Eroberung der Regierungsgewalt als eine Diktatur der monopolkapitalistischen Gesellschaftsordnung dargestellt, die gestützt auf breite, der Mentalität nach kleinbürgerliche Massenbewegungen aus einer ökonomischen Krise hervorgehen und deren Aufstieg zur Macht nur durch eine machtvolle Einheitsfront der Arbeiterbewegung zu verhindern ist.

Diese Theorie beeinflusste die historisch-politischen Analysen der Marburger Abendroth-Schule nach 1945, auch die von Arno Klönne, einem der ersten Schüler von Abendroth, der bei ihm 1955 mit einer Arbeit über die "Hitlerjugend. Die Jugend und ihre Organisation im Dritten Reich" promovierte. Es ist sicher kein Zufall, wenn Arno Klönne das publizistische Ergebnis seines wissenschaftlichen Forschungsauftrages, den der Hessische Jugendring an Abendroths Institut vergeben hatte, 1960 unter dem Titel veröffentlichte: "Gegen den Strom. Ein Bericht über die Jugendopposition im Dritten Reich". Aus beiden Büchern entstand das Standardwerk "Jugend im Dritten Reich. Die Hitler-Jugend und ihre Gegner", das seit 1982 immer wieder neu aufgelegt wurde und Arno Klönne als international hoch geschätzten Kenner der Faschismus-Forschung ausweist.

Der Streit um das Versagen der deutschen Arbeiterbewegung von 1933 und die Auseinandersetzungen um die Marburger "Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung" von Frank Deppe, Georg Fülberth und Jürgen Harrer veranlasste Arno Klönne, ein weiteres Standardwerk vorzulegen: "Die deutsche Arbeiterbewegung. Geschichte – Ziele – Wirkungen" (1980), eine bis dahin unübertroffene Gesamtgeschichte der deutschen Arbeiterbewegung als Sozialgeschichte, ergänzt 1984 um eine "Kurze Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung". Hier begründete er die These: "Das Jahr 1933 markiert die äußere Niederlage der Arbeiterbewegung in Deutschland; dem ging eine sozusagen innere Niederlage der traditionellen Formationen von Arbeiterbewegung voraus, die sich, will man sie im Ereignis fassen, auf das Jahr 1914 datieren lässt".

Diese Niederlage interpretiert Arno Klönne als Folge der falschen Hinwendung zur deutsche Frage und der Vernachlässigung der friedenspolitischen und internationalen Verpflichtungen. In der 1984 vorgelegten Streitschrift "Zurück zur Nation? Kontroversen zu deutschen Fragen" aktualisiert er dieses Problemfeld, indem er die Auseinandersetzung mit linken Gruppierungen in die Gegenwart transportiert. Wie einst 1914, 1933 oder1945 gehen Teile der Linken nicht erst seit 1989 wieder einmal davon aus, über die "nationale Frage" die gesellschaftlichen Verhältnisse zugunsten der Linken "zum Tanzen zu bringen". Und weil sich gegensätzliche Strömungen wie "Neue Rechte" und "Neue soziale Bewegungen" in ihrer Kritik am Aufklärungsdenken, im Klagen über den so genannten Identitätsverlust treffen, sieht er darin die Risiken eines Denkens, das die politische Kultur der Bundesrepublik in "ideologische Rutschgefahren" versetzt, die dazu führen, dass die BRD erneut von ihrer Vergangenheit eingeholt wird.

Diese Gefahren haben Arno Klönne in den letzten Jahren immer mehr dazu gezwungen, den roten Faden der Geschichte des Kapitalismus als "Kriminalgeschichte" zu thematisieren und die Abbrucharbeiten am Sozialstaat in aktuelle Politikfelder, vor allem in die schwierigen, meist vom Scheitern bedrohten Inkubationsphasen der Konstitution einer Neuen Linken einzubringen. Bei allem unermüdlichen Engagement bleibt nur zu hoffen, dass Arno an seinem 75 Geburtstag wenigstens abends einmal wieder Zeit findet, zu seiner Balalaika zu greifen. Aber was wird der jugendbewegte Dauerraucher singen? "Dem Morgenrot entgegen...", das alte Lied der Arbeiterjugend aus besseren Zeiten? Oder "Verlasst die Tempel fremder Götter, glaubt nicht, was ihr nicht selbst erkannt...", das Bundeslied der dj.1.11, der deutschen jungenschaft von tusk, dem Deutschen (Eberhard Koebel), aus dem Widerstandskampf gegen das Hitler-Regime?

Jörg Wollenberg, geb. 1937 in Ahrensbök/Ostholstein. Seit 1978 Professor für Weiterbildung mit dem Schwerpunkt politische Bildung an der Universität Bremen – bis zum Ruhestand am 1. Mai 2002; Mitglied der IG Metall und der GEW. Von ihm erschien zuletzt: "Pergamonaltar und Arbeiterbildung. 'Linie Luxemburg-Gramsci – Voraussetzung: Aufklärung der historischen Fehler' (Peter Weiss)", Supplement der Zeitschrift Sozialismus 5 / 2005

© "Sozialismus", 04.05.2006

 

 
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