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Hintergrund

Soziale Verbände und Erwerbslose starten Aktion »Letztes Hemd«, um gegen Sparpaket zu protestieren. Ein Gespräch mit Martin Künkler

Interview: Gitta Düperthal


Das Aktionsbündnis Sozialproteste, die ver.di-Jugend, gewerkschaftliche Arbeitsloseninitiativen, ATTAC und die Umweltschutzgruppe Campact planen aus Protest gegen das Sparpaket der Bundesregierung, im September eine Wäscheleine mit »letzten Hemden« zu spannen. Sie fordern Betroffene auf, jetzt Shirts mit ihren Forderungen zu beschriften und an Campact zu schicken. Was kritisieren Sie konkret?

Die CDU/CSU-FDP-Regierung will Arbeitslosen und Geringverdienern »das letzte Hemd« wegnehmen. Wir wollen ihr die Meinung sagen: Wer hilfebedürftig ist, bekommt die Härte des Sparpaketes voll zu spüren. Das Elterngeld wird gestrichen, für die Rente wird nichts mehr eingezahlt, Wohngeld wird gekürzt, existenzsichernde Arbeit für alle ist nicht in Sicht. Außerdem verweigert die Koalition es, die von der Niedriglohnpolitik und dem Sozialabbau der vergangenen Jahre begünstigten Besserverdienenden zur Kasse zu bitten.

Nachdem die Regierung den Haushalt für 2011 abgenickt hat, und damit die unsozialen Streichungen bei Hartz-IV-Beziehern, wird es Zeit für Proteste. Wenn »Schwarz-Gelb« den Haushalt Anfang September in den Bundestag einbringt, werden wir an einer Wäscheleine vorm Bundestag Hunderte »letzte Hemden« im Wind flattern lassen – bemalt mit Slogans gegen den unsozialen Sparkurs. Von den finanzpolitischen Sprecherinnen und Sprechern der Fraktionen wollen wir wissen: Warum wollen sie bei den finanziell Schwächsten kürzen, während sie Vermögende und Spitzenverdiener schonen? Warum werden die Banken ausgenommen, die doch mit riskanten Spekulationen für das gigantische Haushaltsdefizit gesorgt haben? Jetzt laufen die Vorbereitungen für die Aktion an. Den Sommer über sammeln wir mit unseren Bündnispartnern »letzte Hemden«.

Was versprechen Sie sich davon, wenn sozial Benachteiligte eigene Forderungen formulieren?

Wir glauben, daß viele Menschen das Sparpaket zutiefst ungerecht finden, weil sie die soziale Schieflage bemerken. Wir wollen mit unserer Aktion helfen, die Unzufriedenheit auszudrücken. Auf den Hemden können sie konkret formulieren, was ihnen unter den Nägeln brennt. Schließlich kann man den Eindruck gewinnen, daß die »schwarz-gelbe« Regierung sehr weltfremd agiert, und die Sorgen von Geringverdienern und Erwerbslosen gar nicht kennt. Wir werden nicht nur die eingesendeten »letzten Hemden« vorm Bundestag präsentieren, sondern zuvor gemeinsam Shirts in den Fußgängerzonen möglichst vieler Städte bemalen. Beispielsweise könnten Partner von Hartz-IV-Beziehern schreiben: »Ich muß mein Erspartes aufbrauchen, die Reichen können ihres behalten.« Oder sie könnten aufzeigen, was es für sie bedeutet, wenn das Elterngeld wegfällt. Beschäftigte in Niedriglohnjobs undauch Arbeitslose sind in besonderer Weise betroffen, das wollen wir in einer gemeinsamen Aktion verdeutlichen.

Sie haben bereits 50000 Unterschriften für eine gerechtere Steuerpolitik gesammelt. Wie soll die aussehen?

Ver.di hat verschiedene Maßnahmen vorgeschlagen, unter anderem die Vermögensteuer wieder einzuführen und den Spitzensteuersatz zu erhöhen. Nach Berechnungen der Dienstleistungsgewerkschaft könnte der Staat pro Jahr bis zu 70 Milliarden Euro mehr einnehmen – wenn die Regierung den politischen Mut aufbringt, die Besserverdienenden stärker zur Kasse zu bitten.

Erhoffen Sie sich Einsicht seitens der Regierungskoalition, die sich bisher für Kritik wenig empfänglich gezeigt hat?

Einsicht nicht, aber die Regierung ist wegen unzähliger Pannen angezählt und steckt im Umfragetief. Insofern könnte eine gute Beteiligung bei der Aktion etwas bewegen und ihr Vorhaben möglicherweise abmildern.

Wird es einen heißen Herbst geben?

Wir wollen nicht nur Kürzungen verhindern. Im Herbst steht die vom Bundesverfassungsgericht erzwungene Neubemessung der Hartz-IV-Sätze an – sie müssen erhöht werden. Am 10. Oktober wird es eine zentrale Demonstration der Erwerbslosen in Oldenburg geben – dort gibt es eine sehr lebhafte soziale Bewegung. Das Motto: »Krach schlagen, statt Kohldampf schieben«. Wir wollen die Debatte aufnehmen, daß Hartz IV keine gesunde Ernährung ermöglicht. Die Aktion »Letzte Hemden« ist also nur der Auftakt.

Bemalte »letzte Hemden« gehen an: Campact e.V., Stichwort »Letztes Hemd«, Artilleriestraße 6, 27283 Verden; Infos:
www.campact.de


© 2010 junge Welt, Donnerstag 22. Juli 2010


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  Soziale Verbände und Erwerbslose starten Aktion "letztes Hemd"

Gespräch mit Martin Künkler

 
 

 
 
Martin Künkler
ist Mitarbeiter der Koordinierungsstelle der gewerkschaftlichen Arbeitslosengruppen
 
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